Russisches Geld für Filmpalast in Locarno

In Locarno entsteht 2016 der «Palazzo del Cinema». Das staatliche Filmarchiv Russlands wirft dafür eine Million Franken auf. Kulturschaffende und Politiker zeigen sich über die Zusammenarbeit erfreut.

Ein Man steht vor einer Projektion des Filmpalasts

Bildlegende: Der Filmpalast wurde vom Londoner Architekten Alejandro Zaera-Polo und vom Tessiner Dario Franchini entworfen. Keystone/archiv

Im September beginnt in Locarno der Bau des neuen «Palazzo del Cinema». Das Film- und Festivalzentrum soll 2016 eröffnet werden und 32 Millionen Franken kosten.

Eine Million des Budgets stammt aus einer überraschenden Quelle: vom russischen staatlichen Filmarchiv Gosfilmofond. Vor zwei Monaten wurde der entsprechende Vertrag unterzeichnet.

Das russische Filmarchiv ist zusammen mit der amerikanischen Library of Congress das grösste Filmarchiv der Welt.

«Gosfilmofond wurde 1937 unter Stalin gegründet und hat heute an die 70'000 Filme im Archiv», berichtet Alla Khaetskaya, die stellvertretende Generaldirektorin. 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter restaurieren und konservieren den Schatz: Reportagen, Kriegs- und Spielfilme, Zeichentrickfilme, unzensierte Versionen von Werken grosser Meister.

«Eine der wichtigsten Filmkulturen weltweit»

Bisher hat sich Gosfilmofond auf die Konservation der Filme konzentriert. Jetzt sollen die Werke aktiv unters Publikum gebracht werden, in Russland und im Ausland. Auch neue Filme produziert das Filmarchiv. Deshalb engagiert es sich mit einer Million Franken in Locarno.

Carlo Chatrian, künstlerischer Direktor am Filmfestival Locarno, schwärmt von der russischen Filmkultur als eine der wichtigsten weltweit. Generationen von Cinéasten hätten sich an den sowjetischen und russischen Filmen gebildet.

«Die 1920er- und 30er-Jahre waren die Zeit des grossen sowjetischen Films», sagt er. Die Bildersprache habe die Impulse gesetzt bis in die Gegenwart. Ein Filmkontinent, in dem sich viele unterschiedliche Strömungen fänden – der eine Brücke zwischen Europa und Asien schlage.

Tür zu Russland soll offen bleiben

Neben Gosfilmofond hält auch eine Filiale der Cinémathèque suisse Einzug im Filmpalast. Auch Frédéric Maire, der Direktor des Schweizerischen Filmarchivs, ist von der Zusammenarbeit angetan: «Man wird dieselben Infrastrukturen in Locarno nutzen und gemeinsam Forschungen vorantreiben können. Ein idealer Zusammenschluss von Filmarchiv, Gosfilmofond und Filmpalast. Es ist Zeit, dass die inhaltlichen Konzepte nun ihren Kinderschuhen entwachsen.»

Die politischen Beziehungen zu Russland sind kompliziert geworden, sagt Stadtpräsidentin Carla Speziali. Im kleinen Locarno möchte sie erreichen, dass die Tür zu Russland offen bleibt.

Der neue Filmpalast umfasst drei neue Kinosäle, aber auch ein Kompetenzzentrum für audiovisuelle Kunst, ein Archiv und eine Filmkommission.