Scherben bringen Glück und London einen Wolkenkratzer

310/87/306 – das sind die neuen Traummasse an der Themse. Gemeint ist ein neuer Büroturm: 310 Meter hoch, mit 87 Etagen und 306 Treppen. Nach rund vier Jahren Bauzeit ist The Shard offiziell eröffnet worden.

310 Meter ragt der vom italienischen Stararchitekten Renzo Piano entworfene pyramidenförmige Turm in den Londoner Himmel – wie eine gigantische «Glasscherbe», so die englische Bedeutung des Namens.
 
Doch längst nicht alle Londoner sind begeistert von der neuen, 450 Millionen Pfund (654 Millionen Franken) teuren Attraktion. The Shard sei zu hoch, zu futuristisch, zu teuer und stelle die historischen Monumente der Stadt in den Schatten.
 
Projekt-Architekt William Matthews ficht diese Kritik nicht an. «Als der Eiffelturm gebaut wurde, wurde er gehasst. Heute lieben ihn die Pariser», sagt Matthews bei einem Rundgang durch das Gebäude. «Hohe Gebäude wie der Eiffelturm oder das Empire State Building werden zu Symbolen für ihre Städte.»

Per Express-Fahrstuhl in die Höhe

Aber längst nicht alle Londoner werden es sich leisten können, die Aussichtsplattformen zwischen dem 68. und dem 72. Stockwerk zu besuchen. Umgerechnet mehr als 36 Franken kostet der Eintritt für einen Erwachsenen.
 
Dennoch haben bereits Tausende Eintrittskarten gebucht. Und die Betreiber hoffen, pro Jahr bis zu eineinhalb Millionen Besucher mit Hochgeschwindigkeitsaufzügen nach oben befördern zu können.

Teleskope hellen trübe Tage auf

Dort angekommen, eröffnet sich ein beeindruckender Rundumblick. «Das wird der Ausgangspunkt für die Erkundung der britischen Hauptstadt werden», sagt Andy Nyberg vom Besucherzentrum. An klaren Tagen können Touristen nicht nur den Big Ben, die Sankt-Paul's Kathedrale und den Buckingham-Palast von oben betrachten, sondern noch in 60 Kilometern Entfernung die Themse entschwinden sehen.
 
Selbst bei dem für London typischen Sprühnebel lohne der Besuch, versprechen die Betreiber. Denn durch die aufgestellten Computer-Teleskope erscheine die Stadt auch an trüben Tagen im Sonnenlicht.

Spitze verschwindet oft in den Wolken

Mit einer Geschwindigkeit von sechs Metern pro Sekunde schiessen die Aufzüge in die Höhe. Untermalt wird die rasante Fahrt zur Plattform von eigens dafür komponierter und vom London Symphony Orchestra eingespielter Musik.
 
«Das fühlt sich an wie Fliegen», sagt Architekt Piano, der Erschaffer des – ebenfalls lange von den Parisern ungeliebten – Centre Pompidou. Obwohl der Bau des Italieners nicht einmal halb so hoch ist wie der 828 Meter hohe Burdsch Chalifa in Dubai, das höchste Gebäude der Welt, verschwindet die Spitze des Shard oft in
den Wolken.

Beachtlicher Anblick – auch von unten

Vermarktet wird der Hochhausturm als «vertikale Stadt», in der Luxusgeschäfte, Büros, Restaurants, ein Fünf-Sterne-Hotel und die hochgelegendsten Wohnungen des Landes untergebracht sind. Wenn alles fertiggestellt ist, sollen hinter der gläsernen Fassade einmal rund 8000 Menschen wohnen.

Vom Boden aus betrachtet ist der Wolkenkratzer genauso beachtlich wie der Blick von oben. Um herauszufinden, was die Menschen von seinem Bauwerk halten, müsse man nur die Passanten beobachten, sagt Piano und zitiert seinen Landsmann und Freund, den Filmemacher Roberto Rossellini: «Guck nicht das Gebäude an, sondern in die Gesichter der Menschen, die es anschauen.»