Schwingen: Die Exotik des Traditionellen

Der Trend zu den «Bösen» hält ungebrochen an. Volkskundler Walter Leimgruber über die Bewegung hin zu regionalen Traditionen, warum sich die Linke damit schwer tut und über das Selbstverständnis der Schwinger.

Ein Schwinger hebt die Hand zum Sieg.

Bildlegende: Zuerst den Dreck im Sägemehl fressen – wer dann im Schlussgang siegt, ist der König. Ein König mit Muni. Keystone

SRF: Warum boomt Schwingen seit ein paar Jahren derart?

Walter Leimgruber: Traditionen allgemein werden wieder populärer, nicht nur in der Schweiz, in ganz Europa. Sie werden neu auch gefördert durch Kultur-Institutionen wie etwa Pro Helvetia oder durch die Unesco mit dem immateriellen Kulturerbe. Es ist ein grosses Bedürfnis nach Traditionen spürbar.

Warum dieses Bedürfnis?

Wir leben in einer Welt, die sich extrem rasch wandelt. Die Menschen sind verunsichert durch die Globalisierung, die Digitalisierung, die Veränderung der Arbeitswelt, die Mobilität und die Migration. Das führt dazu, dass sich die Leute nach Stabilität, nach Überschaubarkeit, nach Sicherheit sehnen. Da bieten sich Traditionen an.

Es gibt auch Globalisierungsgewinner, hippe Städter, die das Schwingen oder das Jodeln plötzlich entdecken.

In den letzten 10 oder 20 Jahren hat sich das Verhältnis zu den Traditionen entkrampft. Viele Städter finden Traditionen cool, interessant. Es ist für sie eine andere, exotische Welt. Sie gucken neugierig auf diese Traditionen. Das sieht man deutlich in der Musikszene. Es gibt viele Junge, die wieder jodeln und die sich dabei von den strengen Vorgaben der Verbände lösen. Volksmusik wird neu interpretiert, mit anderen Stilen verknüpft. Es gibt kein «richtig» oder «falsch» mehr. Wer allerdings als Städter schwingen will, muss sich immer noch den Regeln des Verbandes unterordnen.

Nicht nur die Regeln müssen beim Schwingen penibel eingehalten werden. Es gibt auch starke ungeschriebene Gesetze. Etwa Respekt, Ehrlichkeit, Fairness. Warum wird das so betont?

Das hat nicht speziell etwas mit dem Schwingen zu tun, das ist auch bei andern Sportarten, die nicht zu den grossen Geldmaschinen gehören, wie etwa dem Landhockey, dem Degenfechten oder dem Volleyball so. Da machen Leute mit, die sich für etwas aufopfern, sich für etwas begeistern, die sich gegenseitig unterstützen und weiterbringen. Zudem behauptet jede Gemeinschaft von sich, man sei speziell, man hebe sich durch besondere Werte von den andern ab. Die Schwinger haben es aber geschafft, dass man ihnen diese Werte besonders zuschreibt.

Geld, so betonen die Schwinger, spiele bei Ihnen nicht die Hauptrolle. Viel wichtiger sei der Zusammenhalt. Klafft da etwas auseinander, zwischen dem, was man sagt und dem, was man lebt?

Die Bedeutung des Geldes hat gerade beim Schwingen in den letzten Jahren zugenommen, die Budgets sind enorm, die Sponsoren zahlreich. Das Schwingen war schon immer verbunden mit Politik und Tourismus.

Inwiefern?

Nehmen wir das erste Unspunnenfest von 1805. Dort wurden Traditionen zum ersten Mal auf einer grösseren Ebene zelebriert mit Alphorn blasen, singen, schwingen, schiessen, Steine stossen. Die Stadtberner Patrizier wollten mit dem Fest die unzufriedene Berner Oberländer Landbevölkerung beruhigen. Im Publikum waren Adlige und Schriftsteller aus ganz Europa. Für die waren die Bergbewohner so eine Art «edle Wilde». Sie schrieben über das Fest, über die Menschen und die Landschaft. Und voilà, der Tourismus begann im Berner Oberland zu boomen. Kommerz, Tourismus, Wirtschaft, Politik und Sport waren schon damals miteinander verbunden – und sind es auch heute noch.

Anlässe wie das Schwingfest und überhaupt die Folklore weiss die SVP gut für sich zu nutzen. Warum steigt die Linke nicht stärker auf den Trend auf?

Linke Parteien haben durchaus auch ein Bewusstsein für Tradition. Aber es ist eine schwierige Beziehung. Die linke Bewegung ist aus dem Gedanken entstanden: Wir sind solidarisch als Arbeiter, und zwar international. Seit dem Beginn der Industrialisierung haben sich die Gewerkschaften und linken Parteien international orientiert, weil sie national von denen, die sich als Vertreter der Traditionen sahen, als «unschweizerisch» bekämpft wurden.

Dieses internationale Element ist bis heute bei den Linken stark verankert. Sie haben den Ausbau den Sozialstaates erreicht, aber heute sehen die Arbeiter und Angestellten die Herausforderung nicht mehr hier, sondern fühlen sich durch die Globalisierung und die Migration verdrängt. Darauf hat die Linke bis jetzt keine Antwort gefunden und gewinnt daher nur bei jenen Stimmen, die mit der schnellen Veränderung mithalten können, meistens im urbanen Raum. Während im ländlichen Raum die populistischen und migrationsfeindlichen Parteien dominieren.

Warum sind die gelebten Traditionen wie das Schwingen ländlich?

Nicht alle gelebten Traditionen in der Schweiz sind ländlich, denken sie an die Basler oder Luzerner Fasnacht, das Zürcher Sechseläuten oder die Escalade in Genf. Das Schwingen ist aber tatsächlich ländlich geprägt. Während in der Stadt eher die Leistung des Kopfes zählt, misst man sich auf dem Land körperlich, weil die Landwirtschaft oder ein anstrengendes Handwerk eine grössere Rolle spielen und ein starker Mann grössere Wertschätzung erfährt.

Das Ringen ist gleich nach dem Laufen eine der ältesten olympischen Sportarten. Auf dem Pausenplatz machen es meistens die Jungs. Woher kommt das Raufen, Ringen oder eben Schwingen?

In patriarchalen Gesellschaften spielt die Männlichkeit und damit auch das Ausdrücken der Männlichkeit – und das läuft in allen Kulturen über körperliche Kraft – eine starke Rolle. Männer wollen zeigen, wer der Stärkere ist. In manchen Gesellschaften wurde das auch mit Waffen ausgetragen. In diesem Sinne ist das Schwingen wie alle Zweikämpfe eine Form des zivilisierten Kräftemessens: Denn der Kampf wird unter Aufsicht und ohne Waffen ausgetragen.

Der Frauenschwingverband ist bis heute nicht im Eidgenössischen Schwingerverband integriert.

Schwingen und Männlichkeit, das gehört für die meisten Männer, die diesen Sport betreiben oder ihm zugetan sind, zusammen. Das Hochhalten der guten alten Zeit ist immer noch verbunden mit den traditionellen Rollenbildern von Frau und Mann. Schwingen ist also für die Schwinger Männersache. Die Idee, dass auch Frauen ihre Kräfte messen, ist noch nicht alt. Bis in die 1970er Jahren wurden die Wettkampfresultate der Frauen an den Eidgenössischen Turnfesten zwar gemessen, aber es gab keine Ranglisten, weil der Wettkampf nicht zur Natur der Frau gehöre, so die Begründung damals.

Das Gespräch führte Christa Gall.

Zur Person

Zur Person

Walter Leimgruber ist Leiter des Seminars für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der Uni Basel. Unter anderem forschte er im Nationalen Forschungsprogramm «Kulturelle Vielfalt und nationale Identität». Als Ausstellungsmacher realisierte er die Schau «Sonderfall? Die Schweiz zwischen Réduit und Europa» im Schweizerischen Landesmuseum.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Schwingen: So wird in der Romandie geschwungen

    Aus sportaktuell vom 25.8.2016

    Ein Rückblick auf die letzten drei Eidgenössischen in der Romandie zeigt, dass der Anlass in der französischsprachigen Schweiz auch damals schon ein Publikumsmagnet war.

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    Aus 10vor10 vom 22.8.2016

    Beim Eidgenössischen Schwingfest stehen die Sponsoren Schlange: Seit 15 Jahren steigt das Budget ununterbrochen. So wurde das Schwingfest konkurrenzlos zum Goldesel unter den Schweizer Sport-Events.