Saurierjagd im Bündnerland Seltene Funde auf 3000 Metern über Meer

Hoch in den Bündner Bergen gehen Forscher jeden Sommer auf Saurierjagd. Gerade haben sie wieder eine neue Art entdeckt.

Mit Hammer und Meissel lösen zwei Fossiliensucher vorsichtig eine Kalkplatte aus der Felswand. Was heute eine Steinplatte ist, war früher Meeresboden. Mit der Faltung der Alpen wurde sie auf fast 3000 Meter Höhe gedrückt.

Christian Obrist hält inne und zeigt mit der Spitze seines Meissels auf die grauen Kalksteinschichten: «Diese stehen hier fast senkrecht. Von links nach rechts heisst von alt nach jung.» Mitten drin, ein gelblicher Strich: «Hier kommt auf einmal etwa zwei Zentimeter Vulkanasche. Ein bröseliges, schwarzes Gestein.»

Zwei Männer in Regenjacken und Jeans, um sie herum liegt Schnee.

Bildlegende: Obrist (Fossiliensucher, l.) und Furrer (Grabungsleiter) kommen jeden Sommer, um Gesteinsschichten abzutragen. SRF/Christian von Burg

Obrist lässt das Gestein durch seine Hand rieseln. Dank dieser Vulkanschicht können die Wissenschaftler das Alter der Fossilien sehr genau auf 240 Millionen Jahre datieren. Das war noch vor der Zeit der grossen Landsaurier. Damals sah es hier, wo jetzt Schnee liegt, aus wie auf den Bahamas, mit Inseln im Meer.

Packende, freiwillige Forschungsarbeit

Obrist hat im Kalkstein kleine schwarze Fischchen gefunden, als er vor 26 Jahren zum ersten Mal hier war. «Ich habe schon im Kindergarten angefangen, Fossilien zu suchen. In Basel und Umgebung und im Jura gibt es ja viele Ammoniten.» Da er früher oft fischte, habe ihn die Suche nach fossilen Fischen «einfach gepackt».

Seither verbringt der Biologielaborant aus dem Baselbiet jedes Jahr seine Sommerferien hier oben. Der Paläontologe Heinz Furrer von der Uni Zürich leitet die systematischen Grabungen oberhalb von Davos seit 20 Jahren. Inzwischen ist er zwar pensioniert. Aber noch immer kommt er mit hoch und packt selbst mit an.

Hammer un Meissel von Nahem.

Bildlegende: Minutiös schlagen die Forscher eine Kalksteinplatte nach der anderen heraus, beschriften und archivieren sie. SRF/Christian von Burg

Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer wäre die Grabung gar nicht möglich, sagt Furrer. «Die jahrelange Arbeit jeden Sommer zahlt sich aus. Man macht immer wieder einen ganz seltenen, neuen Fund, der fantastisch ist für die Forschung.»

Unbekannte Art eines Quastenflossers entdeckt

Ein Beispiel ist der Fund einer bislang unbekannten Art eines Landsauriers, der vermutlich bei einem Sturm ins Meer gespült worden war. Der kleine, langbeinige Saurier heisst jetzt Macrocnemus obristi, zu Ehren von Christian Obrist.

Der nächste grosse Fund ist offiziell noch gar nicht publik. Furrer verrät nur soviel: Es handelt sich um einen Quastenflosser mit einem sehr grossen Kopf, der 20 bis 30 Zentimeter lang ist. «Der Spezialist, der ihn bearbeitet hat, hat zeigen können, dass das weltweit etwas Einmaliges ist, ein Neufund, den man bisher nicht kannte.» Eine neue Gattung und eine neue Art sei vorgeschlagen worden. Dies solle in Kürze in einer wissenschaftlichen Publikation bekannt gegeben werden.

Keilförmiger Kalkstein mit einem schwarzen Fleck.

Bildlegende: Die gängigsten Fossilien sind 240 Millionen Jahre alte Fischchen. Schwarz heben sich die Überreste vom Kalkstein ab. SRF/Christian von Burg

Die nächste Kalksteinplatte hat sich gelöst. Die Männer gehen systematisch vor. Sie führen Buch über jeden Stein, der sich löst. Dieses akribische Vorgehen hat sich bewährt, denn oft ist auf der sichtbaren Bruchfläche der Steinplatte nur ein kleiner Teil des versteinerten Tiers sichtbar. Obrist erzählt von einem kleinen Landsaurier, den er vor langer Zeit entdeckte. «Beim Finden habe ich nur den Querbruch der einzelnen Platten mit den schwarzen und braunen Strichen gesehen. Ich habe das als Fischschädel taxiert und auch als solchen beschriftet. Dann musste das ein paar Jahre warten, bis ich den Fund präpariert hatte.»

Skelett aus Puzzleteilen zusammengefügt

Zehn Jahre lang lag der Fund im Depot. Erst nach Feierabend macht sich Obrist zu Hause jeweils ans Präparieren. Unter dem Mikroskop entfernt er mit Pressluftsticheln sorgfältig das Gestein um die versteinerten Überreste.

Oft verlaufen die Knochen im Stein über den Rand der abgelösten Kalksteinplatte hinaus. Dann kommen die archivierten Platten um die Bruchstelle herum zum Einsatz. Wie in einem Puzzlespiel und mit stundenlanger Feinarbeit hat Obrist so das ganze Skelett zusammengefügt. Experte Furrer ist begeistert: «Mit der Zeit hat sich gezeigt, dass dieser neue Fund ein zusammenhängendes Skelett ist.»

Es sei zwar nur 20 Zentimeter lang. «Aber für einen Paläontologen ein einmaliges, fantastisches Stück», so Furrer. Der Fund ist vor einem Monat in der Fachzeitschrift «Scientific Reports» publiziert worden und hat ein grosses Echo ausgelöst. Die Forscher hoffen nun auf mehr. Obrist würde am liebsten einen Flugsaurier finden. Furrer klopft derweil weiter und löst die nächste Steinplatte.

Die Grabungsstätte

Landschaft, Blick von Keschhütte aus

Keystone

Die Kalkschichten auf der Ducanfurgga zwischen Davos und Bergün sind für Paläontologen sehr ergiebig. Sie haben sich nach dem Monte San Giorgio zur zweitwichtigsten Fundstelle für versteinerte Saurier-, Fisch- und Pflanzenarten in der Schweiz gemausert.