Infektionen im Spital Sich selbst der grösste Feind

Jeder Zehnte zieht sich im Spital eine Infektion zu. Das Perfide: Etwa zwei Drittel tragen die gefährlichen Keime bereits auf sich, wenn sie ins Spital kommen.

Ein Mann liegt in einem Spitalbett.

Bildlegende: Jeder zehnte Patient zieht sich eine Spitalinfektion zu – oft mit den eigenen Keimen. imago

  • Die meisten Infektionen im Spital entstehen, wenn körpereigene Bakterien ins Körperinnere gelangen.
  • Sogar antibiotikaresistente Keime lassen sich bei vielen Menschen in und um die Nase und beispielsweise in der Leistengegend nachweisen.
  • Die zwei besten Möglichkeiten, Spitalinfektionen einzudämmen, sind: ständige Handhygiene des Personals und keinerlei Fehler in der Handhabung, ob im Operationssaal oder in der Pflege.

Wenn es um Krankenhausinfektionen geht, springt prompt das Kopfkino an: Pflegepersonal, das einen Patienten nach dem anderen pflegt, ohne dazwischen ordentlich die Hände zu waschen. Das Operationsbesteck, das nicht ausreichend steril zum Einsatz kommt. Der Mitpatient, der erst in seine vorgehaltene Hand hustet, um dann mit dieser die Tür zu öffnen.

All das sind mögliche Ansteckungsszenarien. Was fehlt, ist die wirkliche Hauptperson. Und die, pardon, sind Sie selbst. Wenn Sie sich jetzt verlegen an der Nase kratzen, sind Sie direkt an einem der Tatorte: Denn an und in der Nase fühlen sich besonders viele Erreger wohl, mit denen Sie sich selbst infizieren können. Staphylococcus aureus beispielsweise bewohnt bei fast einem Drittel aller Menschen die Schleimhäute und Haut in und um die Nase – manche der Stämme sind antibiotikaresistent, besser bekannt als MRSA. Auch die Leistengegend ist ein Hotspot für Bakterien.

Keime ins Körperinnere zu befördern ist gefährlich

Ein Mann mit Beatmungsschlauch im Mund liegt im Spitalbett.

Bildlegende: Grösste Sorgfalt beim Beatmen: Der Schlauch kann körpereigene Bakterien tiefer in die Atemwege befördern. imago

Das ist an sich noch kein Problem. Jeder Mensch trägt Milliarden Bakterien auf und in sich, ihre Masse macht bis zu zwei Kilogramm aus – darunter sind auch potenziell gefährliche und resistente. Wird beispielsweise im Zuge einer Operation beatmet, können mit dem Beatmungsschlauch auch Bakterien tiefer in die Atemwege befördert werden, wo sie normalerweise gar nicht hingelangen.

Bei einer schlechten Zahngesundheit ist dieses Risiko nochmals deutlich erhöht – mitunter so stark, dass manche Ärzte chirurgische Eingriffe wenn möglich verweigern, bis die Zähne saniert sind. Mögliche Folge einer solchen Bakterieninvasion: die Lungenentzündung. Beim Einführen eines Herzkatheters über die Leiste können beispielsweise Bakterien in die Blutbahn geraten und zur Blutvergiftung führen.

20 Prozent der Infektionen wegen Blasenkatheter

Auch beim Einführen eines Blasenkatheters können Erreger, mitunter auch solche aus dem Darm, tiefer in den Urinaltrakt gelangen und Blasenentzündungen hervorrufen – ein Fünftel aller Spitalinfektionen entstehen so. Mit jedem Tag mit Katheter nimmt das Risiko zu.

Ein Unterschenkel eines Mannes wird desinfiziert.

Bildlegende: Durch die grossflächige Desinfektion soll verhindert werden, dass Bakterien der eigenen Haut in die Wunde gelangen. Colourbox

Bei 25 bis 30 Prozent der Spitalinfektionen wiederum handelt es sich um entzündete Operationswunden, sehr häufig durch Keime der umliegenden Haut. Oder Bakterien gelangen, beispielsweise mit künstlichen Hüftgelenken, noch tiefer in den Körper. «Wichtig ist, bei Operationen mit dem Implantat keinen Hautkontakt zu haben, denn das kann auch wieder eine potenzielle Kontamination verursachen», sagt Näder Helmy, Chefarzt der Orthopädie des Bürgerspitals Solothurn. Dort kam es zu auffällig hohen Infektionszahlen, die nun mit verschiedenen Massnahmen gesenkt werden sollen.

Mitgebrachte Keime sind das grössere Problem

Eine Krankenhausinfektion aufzugabeln bedeutet also nicht automatisch, Keime des Krankenhauses aufzulesen, sondern lediglich, dass eine Infektion nach Eintritt ins Spital neu auftritt.

Grafik zu Fallzahlen.

Bildlegende: 70'000 Patienten ziehen sich pro Jahr eine Spitalinfektion zu, 2000 von ihnen sterben daran. SRF

Infektionen werden sich im Spital nie zu 100 Prozent vermeiden lassen. Besonders auf der Intensivstation sind sie häufig, wo anfällige Patienten liegen, an denen zusätzliche Eingriffe zur Diagnose und Therapie vorgenommen werden müssen - jede einzelne von ihnen eine potenzielle Eintrittspforte für Erreger. Und je länger der Klinikaufenthalt, desto grösser die Chance auf eine Spitalinfektion.

«  Ein Drittel der im Spital erworbenen Infektionen könnten durch entsprechende Hygienemassnahmen verhindert werden. »

Erika Ziltener
Patientenstelle Zürich

«Rund ein Drittel der im Spital erworbenen Infektionen könnten durch entsprechende Hygienemassnahmen verhindert werden. Das ist sehr viel», findet Erika Ziltener von der Patientenstelle Zürich. Manchmal lassen sich Fehler in der Handhabung aufspüren, denn Handlungsabläufe im Spital sind so heikel wie kaum an einem anderen Ort: Schon wenn der Blasenkatheter beim Einführen die Bettdecke streift oder das neue Hüftgelenk im OP mit der Haut des Patienten in Kontakt kommt, kann das Folgen haben.

Handhygiene bringt am meisten

Auch wenn der Mensch sich selbst seine gefährlichste Infektionsquelle ist, ständige Handhygiene des medizinischen Personals könnten die Zahlen weiter drücken. Übertragungen von Patient zu Patient kommen praktisch nur über Fehler in der Handhygiene des Personals vor.

Strikte Einhaltung der Hygienemassnahmen, betet Orthopäde Näder Helmy seinen Kollegen deshalb ständig vor. «Ich finde es nicht lustig, meinen Mitarbeitern ständig zu sagen: Macht das! Damit macht man sich natürlich nicht nur beliebt», gibt er zu – aber medizinische Vorgesetzte, die mit gutem Beispiel vorangehen, sind das beste Druckmittel für das ganze Team, zeigen Studien.

Hygiene im Wandel der Zeit

Das können Patienten beitragen

  • Personal bei Hygienebedenken ansprechen.
  • Nachfragen, wie lange ein Katheter nötig ist – je kürzer, desto besser. Nicht daran manipulieren.
  • Urinbeutel stets unterhalb der Blase halten.
  • Selbst auf Handhygiene achten und Besucher darauf hinweisen.
  • Vor einer OP Ärzte über Allergien, Diabetes oder Übergewicht informieren und mit dem Rauchen aufhören.

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