Kaum Schlaf, wenig Platz, extreme Kälte

Abenteurer Bertrand Piccard will es wieder wissen: Mit einem Solarflugzeug will der 57-Jährige Anfang März mit einem Kollegen erstmals rund um den Globus fliegen, in zwölf Etappen. Das sind 35‘000 Kilometer voller Strapazen. Warum macht der Mann das?

Abenteurer Betrand Piccard in seinem Solarflugzeug.

Bildlegende: Schlafen? Ja schon, aber ... Solar Impulse / Revillard

Er ist Millionär, hat eine hübsche Frau, drei gesunde Kinder, lebt in einem Haus hoch über dem Genfersee, ist Psychiater von Beruf. Trotzdem setzt er sein Leben aufs Spiel, mit kalkulierten Risiken. Anfang März wird Abenteurer Bertrand Piccard mit seinem Solarflugzeug starten, will die Welt in 500 Stunden umrunden, abwechselnd mit dem Piloten André Borschberg, in zwölf Etappen. «Solar Impulse 2» - die erste Weltumrundung mit einem Solarflugzeug.

Piccard hat schon einige Abenteuer überstanden. Doch dieses Mal wird es anders sein. Obwohl auch die Technik entscheidend ist, werden dieses Mal er und Borschberg im Zentrum stehen. Sie, die Menschen, sind die Schwachstelle im Unterfangen.

Stolperstein Ozeane

Die zwei schwierigsten Etappen sind jene über dem Pazifik und dem Atlantik. Bis zu sechs Tagen am Stück wird ein Pilot jeweils über den Ozeanen fliegen, in einem Cockpit, das 3,8 Quadratmeter beträgt. Das wird einsam. Nur der Pilot, das Flugzeug, das Meer, der Himmel und die ferne Stimme vom Kontrollzentrum. Da reist die Angst mit.

Was, wenn Piccard in der kurzen Schlafphase nicht wach genug ist und eine wichtige Information verpasst? Was, wenn das Flugzeug – das zu leicht ist, einem Gewitter zu trotzen – in einen Sturm gerät? Was, wenn er tatsächlich per Fallschirm abspringen muss und er die aufblasbare Rettungsinsel im Meer verliert?

Stolperstein Panik

«Schwierig wird’s dann, wenn sich die Angst in Panik verwandelt. Im Extremfall schlägt man um sich, kann keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen», sagt Sportmediziner Walter Kistler. Ein Automatismus, der bei Panik eintritt, ist der Fluchtgedanke. «Da kann es in einem so engen Cockpit schnell ungemütlich werden.»

Zur mentalen Herausforderung kommt die körperliche: Schlaf gibt’s innerhalb von 24 Stunden 10 Mal à 20 Minuten, das sind rund drei Stunden pro Tag. Allerdings: Alle fünf Minuten muss der Pilot selbst im Schlaf die Augen öffnen, um das Flugzeug zu kontrollieren. Piccard will das via Hypnose und Meditationstechniken schaffen.

Hypnose ist eine Art tief entspannter Wachzustand, Sensoren wie Ohren und Tastsinn können weiter aktiv bleiben. «Ob man innerhalb von 20 Minuten jene Schlaftiefen erreichen kann, die erholsam sind, werden uns Piccard und sein Kollege beweisen müssen», sagt Kistler. «Es kann vielleicht funktionieren, indem man komplett erholt ins Projekt startet, und dabei bis ans Ende seiner Kräfte geht.»

Stolperstein Temperaturen

Kleider und die Isolation des Cockpits schützen nur bedingt, einzig Handschuhe und Schuhe sind beheizt. Die Piloten sind dennoch minus 20 Grad Celcius und plus 35 Grad ausgesetzt. «Was man gerne vergisst, sind Ohren, Nasen oder Augen. Diese können neben Fingern und Zehen in Extremsituationen ebenfalls Schaden nehmen. Gerade im Zustand der Hypnose nimmt man sich oft körperlich nicht mehr so ganz wahr. Alarmsignale, die der Körper aussendet, können beeinträchtigt werden», sagt der Sportmediziner.

Umweltpionier Bertrand Piccard.

Bildlegende: Bertrand Piccard hat eine Vision: Er will mit dem Projekt die Menschen für erneuerbare Energien sensibilisieren. Keystone

Pro Tag haben die Piloten 2,4 Kilogramm Nahrung, 2,5 Liter Wasser und 1 Liter Sportgetränk. Das sterilisierte Essen wird über ein chemisches Pulver erhitzt. Für warmes Essen ist also gesorgt, bequem wird’s dadurch trotzdem nicht. Ein ergonomisch aufblasbares Kissen und ein zurückklabbarer Sitz geben den Piloten etwas Spielraum, mit Yoga wollen sie sich körperlich fit halten.

Bleibt die Sache mit der Hygiene. Selbst die mutigsten Piloten müssen mal. Unter dem Sitz ist ein Deckel eingebaut. Es ist also machbar.

Auf die Frage, warum sich Bertrand Piccard dies alles antut, antwortet er mit dem übergeordneten Sinn, mit der Sensibilisierung der Menschen für saubere Energie. Das Wagnis ist für Piccard demnach nicht Selbstzweck, sondern Mittel, anders nicht erreichbare Werte zu schaffen. Werte, die sich mit Geld nicht erkaufen lassen.

Zur Person

Zur Person

Walter Kistler ist Chefarzt Medizin am Spital Davos. Er ist ärztlicher Leiter von diversen Sportveranstaltungen wie Davos Nordic, Gigathlon, Swiss Alpine Marathon. Zudem ist er Leiter des Swiss Olympic Medical Center und betreut den HC Davos als Teamarzt.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • FOKUS: Bertrand Piccard im Interview

    Aus 10vor10 vom 6.3.2015

    Was Bertrand Piccard zum Vorwurf sagt, dass seine Visionen nicht verwirklicht werden, fragt SRF-Sonderkorrespondent Michael Weinmann den Flug-Pionier.