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Streit um Warhols Blumen «Wir haben 40 Jahre gemeint, dass wir einen echten Warhol haben»

Eine Schweizerin kaufte 1977 ein Werk Andy Warhols. Sie hatte einen guten Riecher, das Werk wäre heute Millionen wert. Jetzt stellt sich heraus: Die Signatur fehlt.

Legende: Video Vielen Dank für die Blumen, Andy abspielen. Laufzeit 4:35 Minuten.
Aus 10vor10 vom 27.10.2017.

Vier rote Blumen auf schwarzem Grund im quadratischen Rahmen: Ein einfaches – auf den ersten Blick –, beliebiges Sujet. Aber Millionen wert auf dem Kunstmarkt, wenn es denn vom Künstler signiert wäre.

Jahrelang hingen die Blumen Warhols im Wohnzimmer von Marianne und Dirk Lübbesmeyer. Nachdem Experten den Wert des Werkes auf bis zu 1,5 Millionen Schweizer Franken schätzten, entschieden sie sich, die Blumen von Warhol zu verkaufen. Über ein internationales Auktionshaus schickten die Lübbemeyers das Werk nach New York zur Auktion.

Es sollte alles anders kommen: Anfang Oktober wurde ihr Andy Warhol zurück in die Stube getragen. Dem Werk fehlte die Signatur Warhols, bemängelte das Auktionshaus.

Dabei hielt Marianne Lübbesmeyer das Bild 1977 für echt: Es war ihr damals ein ganzes Jahresgehalt wert. Sie ist enttäuscht: «Schlimm finde ich es schon, dass das Bild nicht echt ist. Wir haben jetzt fast 40 Jahre gemeint, dass wir einen echten Warhol haben. Jetzt hat sich herausgestellt, dass es eine Fälschung ist.»

Signatur vergeblich gesucht

Von einer Fälschung muss nicht ausgegangen werden, aber laut Verkaufsunterlagen war der Warhol signiert. Eine solche Signatur haben die Experten des Auktionshauses jedoch vergeblich gesucht.

Das Auktionshaus strich das Werk aus dem Katalog und schickte den Warhol der Lübbesmeyer zurück über den Atlantik. Ein Warhol ohne Signatur ist kaum etwas wert. «Es geht dem Sammler darum, dass das Werk die Aura von Warhol hat», sagt der Kunstexperte Florian Schmidt-Gabain. «Und die Aura bekommt das Werk nur, wenn er es autorisiert hat, beispielsweise durch die Signatur.»

Warhol oder nicht?

Es war ein Mitarbeiter der Galerie Bruno Bischofberger, der die Blumen Warhols mit dem Zertifikat «signiert» verkaufte. Die Galerie Bischofberger nahm auf Anfrage nur schriftlich Stellung: «Die archivierten Verkaufsunterlagen der Galerie reichen nicht bis in die 1970er-Jahre zurück. So können wir dies nicht bestätigen. Wir gehen davon aus, dass der damalige Mitarbeiter bei uns immer seriös und nicht fehleranfällig gehandelt hat.»

Bei vielen Werken Warhols ist nicht klar, ob sie von ihm selber stammen. In seiner Factory in New York stellten er und Mitarbeiter Siebdrucke zu Tausenden her. Doch nur signierte Werke sind heute von grossem Wert. Warhol spielte mit der Verwirrung. So soll er gesagt haben, er fände es grossartig, wenn man nicht mehr wüsste, welche Siebdrucke von ihm und welche von anderen seien.

Chaos schon zu Lebzeiten

Gerade bei den Blumensujets war das Chaos schon zu Lebzeiten des Künstlers perfekt. Trotz aller Lust am Verwirrspiel habe sich Warhol persönlich dafür eingesetzt, dass ein Verzeichnis seiner Werke geschaffen werde. Dies sagte der Galerist und ehemalige Mitarbeiter von Bruno Bischofberger, Georg Frei, im Interview mit SRF 2004: «Er hat Fälschungen zerstört, er musste sogar hier in Zürich die Schere nehmen und Blumen-Bilder verschneiden, die falsch waren.»

Erfolgreich anfechten lässt sich der Kaufvertrag von damals nicht mehr, so Experte Schmidt-Gabain: «Wenn man sich geirrt hat, kann man nur zehn Jahre nach dem Kauf den Verkaufspreis zurückverlangen.» Ein schwacher Trost, dass die Blumen Marianne Lübbesmeyer noch immer gefallen.

5 Kommentare

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  • Kommentar von Werner Kieser (Werner Kieser)
    Das Beispiel zeigt, dass Kunst lediglich eine Glaubenssache ist. Kunst ist, was die Kunstwelt als Kunst erklärt. Es gibt keine einzige brauchbare Definition von Kunst.
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  • Kommentar von Hanspeter Müller (HPMüller)
    Wer sagt denn, dass das Original nicht immer im Wohnzimmer hing und eine Fälschung über den Atlantik ging um Geld zu verdienen?
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  • Kommentar von Tim Waldner (Wildenstein1990)
    Das finde ich einen amüsanten Beitrag. Wenn ich einen Monatslohn für ein Bild ausgeben würde und dann 30 Jahre daran Freude habe, nur weil ich dachte es sei viel mehr Wert. Dann würde ich mich als Materialist bezeichnen. Das ist etwa so wie, wenn ich für 250.- Franken einen grossen Pomerol a subskription kaufe und mir nach 20 Jahren die Etikette fehlt.
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