Trotz sensationeller Funde: Schätze landen im Tessin im Lagerraum

Münzen, Werkzeuge und Schmuck aus der Bronzezeit – das ist bei Grabungen im Tessin zum Vorschein gekommen. Die Archäologen freut es, sie sind aber auch enttäuscht: Weil das Geld fehlt, verschwinden nun viele Fundstücke wieder in Lagerräumen.

Ein Plastikdach spendet Schatten, am Boden kauert ein Freiwilliger. Mit einer Kelle schabt er Erde vom Boden, legt Steine und Objekte frei, säubert sie mit einem Pinsel, schabt weiter. «Die Grabung ist einzigartig. Auch im schweizweiten Vergleich», sagt Luisa Mosetti, Archäologin und Grabungsleiterin in Minusio.

Und sie sei aussergewöhnlich mit ihren mehr als 1000 Keramik-Fundstücken. Mosetti hat Gräber aus der Römerzeit erwartet, zutage gekommen ist aber eine Ansiedlung aus der Bronzezeit, die 3500 Jahre alt ist.

«  Jedes Fundstück wird erfasst, analysiert, restauriert. »

Rossana Cardani

Keramikstücke kommen zum Vorschein oder Mauerteile und man sagt sich: «Wow. Nach so langer Zeit kommt ein Stück Geschichte ans Licht.» Der Auslöser für die Grabungen war ein Baugesuch, dann folgte die Notgrabung in Minusio. Jetzt wird möglichst viel gesichert, bevor im Herbst Baumaschinen auffahren.

Rossana Cardani ist die Leiterin des archäologischen Dienstes beim Kanton Tessin. Sie schildert den Weg, den die Fundstücke von hier aus nehmen: «Jedes Objekt, jedes Fundstück wird erfasst, konserviert, analysiert, restauriert, es wird publiziert», sagt sie.

Wichtige Funde

Der Kanton Tessin besitzt aus vielen Jahren Arbeit einen Schatz von 30'000 archäologischen Objekten, aber nur 5000 sind ausgestellt, die Platznot in den Lagern wächst. Die Kantonsregierung hat vor drei Wochen ein Museumsprojekt sterben lassen.

Cardani sagt: «Damit stirbt eine Hoffnung auch für die Archäologen, dass ihre Arbeit endlich für das breite Publikum sichtbar wird.» Die Funde der letzten Jahre sind besonders wichtig, darum wird das Archäologie-Museum umso schmerzlicher vermisst.

Neue Geschichte

Auch 60 Kilometer südlich von Minusio wird gegraben, auf einem Hügel in Tremona. Bremsen stechen einem unablässig, aber der Enthusiasmus bei Alfio Martinelli ist ungebrochen. «Um uns liegen die Reste von 50 Gebäuden, die umgeben sind von einem Verteidigungswall», erklärt Martinelli. «Die Reste gehen aufs Neolitihikum zurück, also auf das Jahr 5000 vor unserer Zeitrechnung.»

Anfänglich glaubten die Forscher, es handle sich um ein Bauerndorf. Unerwartet kamen dann 1200 Geldstücke zum Vorschein und Schmuck. Aus Venedig, Florenz, Mailand, vom Gotthard und von der Nordsee. Die Münzen sind hierher gereist, das steht fest. Mit den Münzen kamen wohl Waren und Menschen und Ideen. Fund für Fund, Indiz für Indiz wird in Tremona eine neue Geschichte zusammengesetzt.

«  Jemand anderes wird die Antworten finden, die ich nicht geben konnte. »

Alfio Martinelli

200 Freiwillige arbeiten hier. Martinelli ist einer der Köpfe, der dahinter steckt. Als er spricht wird klar, woher das «feu sacré» in Tremona kommt. Martinelli gräbt, er findet zehn Antworten und zugleich hat er 15 neue Fragen. «Wir müssen bescheiden sein», sagt er. «Wir müssen eingestehen: Ich weiss die Antwort nicht.»

«Irgendwann», erklärt Martinelli, «wird jemand anderes jene Antworten finden, die ich nicht geben konnte.»

gala