Zum Inhalt springen
Inhalt

Umstrittene Krebs-Diäten Den Krebs aushungern – geht das?

Einfach weniger, gar nichts oder ganz anders essen, und dadurch den Tumor aushungern. Für viele mag dies einleuchtend klingen. Die medizinischen Fakten zur Frage.

Nur rohes Obst und Gemüse essen oder als Smoothies trinken. Speisen mit rauen Mengen Kurkuma würzen. Knoblauch in jedes Gericht geben. Oder, aktuell besonders beliebt: Zucker komplett vom Speiseplan verbannen. All das soll laut einschlägigen Gesundheitsratgebern helfen, Krebs zu bekämpfen.

Aber: «Der Gedanke, man könnte Krebszellen so zum Absterben bringen ist naiv, weil der Krebs in der Lage ist, sich vom gesunden Körper das zu holen, was er braucht. Der Krebs ist damit das letzte, was wir aushungern – wir hungern davor uns selbst aus, wenn wir radikale Diäten durchführen», warnt Christoph Rochlitz, Onkologe am Universitätsspital Basel

Screenshot einer Internetseite über Ingwer.
Legende: Ingwer besser als Chemo? Einschlägige Gesundheitsratgeber wecken falsche Hoffnungen. SRF

Denn Krebspatienten müssen vor allem eines: essen – egal was, egal wann. Alles, was Appetit macht, ist erlaubt. Die grösste Gefahr für Krebspatienten ist nicht die falsche Ernährung, sondern zu wenig. Je nach Tumorart haben bis zu 80 Prozent der Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose in vergleichsweise kurzer Zeit bereits zehn Prozent ihres früheren Gewichts verloren und gelten damit als mangelernährt.

Besser leben durch mehr Gewicht

Ein abgemagerter Körper hat der Krankheit und den belastenden Therapien jedoch weniger entgegenzusetzen. Es gilt also: Egal, ob Krebspatienten vorher schlank oder füllig waren, sie sollten ihr Gewicht unbedingt halten. Denn bösartige Tumoren setzen eine ganze Reihe an Veränderungen in Gang: Sie verursachen im Körper eine chronische Entzündung. Sie setzen die Immunabwehr ausser Gefecht. Und sie beeinflussen mit Botenstoffen, sogenannten Zytokinen, den gesamten Stoffwechsel.

In der Folge baut der Körper Fettgewebe ab und zersetzt das Eiweiss in der Muskulatur. Zudem beeinflussen die Zytokine auch die Hormone: Trotz abnehmendem Fett- und Muskelgewebe entstehen weder Appetit noch Hunger. Stattdessen fühlen sich Patienten häufig früher satt.

Viele plagen zudem Verstopfungen, was die Nahrungsaufnahme zusätzlich erschwert. Der sogenannte katabole Zustand entsteht: Der Körper baut mehr Muskel- und Fettmasse ab, als er neu bilden kann. Schmerzen und Nebenwirkungen der Therapien wie Übelkeit oder Entzündungen in Mund und Rachen tun ihr Übriges.

Ausgemergelte Patienten sind schwerer therapierbar

Screenshot einer Artikels über Krebsdiäten.
Legende: Mit 100 Lebensmitteln den Krebs wegessen? Das wird leider so nicht funktionieren. SRF

Das Zusammenspiel all dieser Faktoren ist eine belastende Situation: Der Krebspatient möchte mehr essen, kann es aber beim besten Willen nicht. Etwa die Hälfte der Krebspatienten verliert im Verlauf der Erkrankung ungewollt an Fett- und Muskelmasse und damit an Körpergewicht.

Auf all das noch eine strapaziöse Fastenkur daraufzusetzen, löst bei Ärzten in den meisten Fällen allenfalls Kopfschütteln aus. «Es ist aus meiner Sicht völlig aussichtlos, mit so einer Diät zu versuchen, den Tumor zu beseitigen oder auch nur zum Stillstand zu bringen. Wenn man beispielsweise nur Rohkost zu sich nimmt hat man zwar einiges an Vitaminen, aber keine Proteine oder andere Stoffe, die wichtig sind. Das lässt das Leben auch in puncto Lebensqualität nur schlechter werden», sagt Christoph Rochlitz – und auch hinsichtlich der Lebenserwartung. Denn ausgemergelte Patienten sprechen oft schlechter auf die Krebstherapien an. Die körperliche Auszehrung ist die zweithäufigste Todesursache bei Krebs.

Eiweiss und Fett statt Rohkost und Fasten

Glücklicherweise ist inzwischen aber einiges über eine sinnvolle Ernährung bei Krebs bekannt. Man weiss heute beispielsweise, dass Muskeln und Leber von Tumorpatienten Glucose, also Zucker, nicht ausreichend verwerten können. Die Energie, die der Körper so dringend bräuchte, verpufft einfach. Deshalb macht es Sinn, aufs Fett zu fokussieren: Muskelzellen von Krebspatienten können Fettsäuren wesentlich besser aufnehmen und speichern als gesunde Menschen. 50 Prozent des Tagesbedarfs an Energie sollten aus Fetten stammen, aus Avocados, Nüssen, Fisch oder Ölen beispielsweise.

Und da auch der Eiweissstoffwechsel durch Tumoren stark erhöht ist, brauchen Krebspatienten mehr Proteine als Gesunde: nämlich 1.2 bis 1.5 Gramm pro Kilo Körpergewicht pro Tag. Zum Vergleich: Ein Stück Fleisch in Handtellergrösse enthält etwa 20 Gramm Eiweiss. Als Richtlinie schlagen Ernährungsberaterinnen vor, täglich fünfmal eine solche Menge Eiweiss zu essen – neben Fleisch auch Milchprodukte.

Gesundhungern sollten sich Krebspatienten also nicht. Sich ausgewogen zu ernähren, ist aber immer eine gute Wahl: Daten belegen, dass Brustkrebspatientinnen nach erfolgreicher Krebstherapie seltener einen Rückfall bekommen, wenn sie auf gesundes Essen achten und sich regelmässig bewegen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

20 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Thomas Marques (Thomas Marques)
    In meiner Verwandtschaft sind vier Personen An Krebs erkrankt (alle weiblich, 3 mal Brustkrebs, einmal Darmkrebs). Alle haben sich schulmedizinisch behandeln lassen. Nur eine hat überlebt, mit Brustamputation. Die schulmedizinische Behandlung von Krebs scheint also nicht besonders erfolgreich zu sein. Aber lukrativ. Ich empfehle zum Thema Das Buch "Der betrogene Patient" von Herrn Dr. Reuther
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Wie sehr auch klassische Medizin versagt kann an vielen Beispielen nachgelesen werden und Fasten ist eine wichtige Heilmethode aber kein allerheilsmittel genauso wie die Chemotherapie. Ein interessantes Beispiel ist Tiziano Terzani in seinem Buch Noch eine Runde auf den Karussel. Bei bester Medizin kam der Krebs wieder. Das Gegenbeispiel Anita Morgani hatte Lyndrüsenkrebs im Endstadium und war nach ihrer Nahtoderfahrung in 5 Wochen völlig geheilt. So simpel ist es eben nicht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Beat Basler (BaslerB)
    Interessanter Forschung ist von Prof. Dr. Valter Longo aus Kalifornischen, der hat wissenschaftlich rausgefunden, wenn man vor der Chemotherapie ein paar Tage fastet, dass das sehr effektiv ist! Googled mal nach diesem Arzt und schaut was er so erforscht hat, das ist faszinierend!!!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Ich bin nicht ganz so enthusiastisch. Was ich finde sind Publikationen von Versuchen an "Mausmodellen" und Zellkulturen und anschliessend gemessenen Faktoren im Blut und in den Zellen. Und das erst noch in kleinen Fallzahlen. Also keine klinischen Versuche, keine Aussage wie es der ganzen Maus, geschweige denn einem ganzen Menschen geht dabei.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen