Unwetter und Überschwemmungen: Kritik an englischer Regierung

Zum Jahresende kämpft der Norden Englands mit Überschwemmungen, die Politiker als historisch bezeichnen. Rettungskräfte und Militär sind im Dauereinsatz. In den Medien wächst derweil die Kritik am englischen Hochwasserschutz.

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England unter Wasser – Cameron unter Druck

1:41 min, aus Tagesschau vom 28.12.2015

Premierminister David Cameron leitete am Sonntag eine Sitzung des Krisenstabs Cobra. Er bezeichnete die Überschwemmungen als «beispiellos» und kündigte die Mobilisierung von 200 zusätzlichen Soldaten an.

Für insgesamt 27 Gebiete haben die Behörden eine Warnung vor lebensbedrohlichen Entwicklungen ausgegeben. Für 170 weitere Orte gilt ein «normaler» Hochwasser-Alarm. Tausende Haushalte sollen nach einem Wochenende ohne Elektrizität heute wieder ans Stromnetz angeschlossen werden.

Menschen in und an einem Schlauchboot

Bildlegende: Bergungsaktion im nordenglischen York: Wie hier gilt in über 200 Regionen Hochwasseralarm. Reuters

1000 Soldaten halten sich bereit

Nach Angaben der Downing Street sollen die 200 Soldaten zusätzlich zu den bereits eingesetzten 300 Soldaten entsandt werden. 1000 weitere Soldaten sollen zudem für den Fall einer Verschlimmerung der Lage in Bereitschaft sein. An den Rettungsmassnahmen waren neben Soldaten örtliche Kräfte sowie Freiwillige des Roten Kreuzes beteiligt.

Nach Angaben von Umweltministerin Elizabeth Truss sind manche Flüsse stärker über die Ufer getreten als je zuvor. Aktuell sei am wichtigsten, Leben und Wohnungen der Menschen zu retten, sagte sie dem Sender BBC. Berichte über Tote oder Verletzte gab es zunächst keine.

250 Flutwarnungen

Landesweit wurden mehr als 250 Flutwarnungen ausgegeben, in 24 Warnungen wurde von lebensgefährlichen Situationen gesprochen. Betroffen war auch die historische und bei Touristen beliebte Stadt York. Bis zu 400 Bewohner in flussnahen Gegenden der Stadt wurden angewiesen, ihre Häuser zu verlassen und ihr Hab und Gut in obere Stockwerke zu bringen.

In einigen Überschwemmungsgebieten standen die Erdgeschosse der Häuser unter Wasser. Auch in anderen Teilen der Grafschaften Yorkshire und Lancashire wurden hunderte Menschen in Sicherheit gebracht, die Armee half vielerorts bei der Bekämpfung der Wassermassen.

Betroffen waren auch Teile von Leeds und der Grossraum Manchester. Mehr als 7000 Haushalte im Grossraum Manchester und in Lancashire waren ohne Strom.

Kritik an der Regierung

Auch im vergangenen Winter hatte es in Teilen Grossbritanniens Hochwasser gegeben, besonders heftig waren die Überschwemmungen im Februar 2014.

Regelmässig wird die Regierung für Versäumnisse in der Vorsorge kritisiert. Die Labour-Partei forderte die konservative Regierung auch am Sonntag auf, mehr zu investieren. «Es wird immer deutlicher, dass sogenannte beispiellose Wetterlagen von Dauer sind», sagte die umweltpolitische Sprecherin der Oppositionspartei, Kerry McCarthy.

Auch in den Medien des Landes wuchs derweil die Kritik am Hochwasserschutz und dem Verhalten der Regierung. Der «Guardian» kritisierte, «leere Rhetorik und selbst die Armee» könnten einen vernünftigen Hochwasserschutz nicht ersetzen.

Für die kommende Woche sagte der Wetterdienst weitere Regenfälle und Wind voraus. Premier Cameron versprach, den Hochwasserschutz auf den Prüfstand zu stellen. «Die temporären wie auch die dauerhaften Deiche haben eine wichtige Rolle gespielt, aber es ist klar, dass sie in einigen Fällen überholt sind, und wir müssen sehen, ob mehr getan werden muss», sagte Cameron der BBC. Der englische Premier besuchte heute York, die Stadt, die besonders vom Unwetter getroffen wurde.

Mangel an Sandsäcken

Nicht nur das Militär, sondern auch das Rote Kreuz, Polizei und Feuerwehr sowie Helfer der Bergwacht waren rund um die Uhr im Einsatz, um Sandsäcke aufzuschichten und Menschen aus ihren Häusern zu holen.

Mancherorts stiessen die Behörden bereits an ihre Grenzen: «Haben keine  ‹Strasse geschlossen›-Schilder mehr», schrieb etwa die Polizei North Yorkshire auf Twitter. «Fahren Sie nicht ins Hochwasser, vermeiden Sie überschwemmte Strassen.»

Solidarischer Gruss aus dem Weltraum

Bewohner der Hochwassergebiete klagten in der britischen Presse über einen Mangel an Sandsäcken und überlastete Rettungsdienste. In anderen Regionen hatten nach tagelangen Regenfällen am Sonntag bereits die Aufräumarbeiten begonnen.

Ein solidarischer Gruss erreichte die Briten aus rund 400 Kilometern Höhe: «Heute über Grossbritannien geflogen», twitterte der Astronaut Tim Peake von der internationalen Raumstation ISS aus, «in Gedanken bei allen, die in Nordengland von Hochwasser betroffen sind.»

Unwetter in den USA

In den USA sind in den vergangenen Tagen mindestens 43 Menschen durch Unwetter ums Leben gekommen. Sie starben infolge von schweren Stürmen oder Überschwemmungen. Betroffen waren sieben Bundesstaaten. In New Mexico im Südwesten wurde der Schneenotstand ausgerufen.