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Schrill, frech, allgegenwärtig Viel mehr als nur bunt: Wie Emojis uns helfen

Emojis sind spassig. Aber nicht nur das. Sie sorgen dafür, dass wir uns digital besser verstehen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Emojis sind aus der digitalen Kommunikation nicht mehr wegzudenken. Und es gibt immer mehr von ihnen.
  • Die farbigen Bildchen sind aber nicht nur lustig. Sie erfüllen einen Zweck – etwa, indem sie das vermitteln, was im Gespräch über Intonation, Mimik und Gesten geschehen würde.
  • Entsteht da gerade eine neue Sprache? Nein. Dafür ist nur schon der Emoji-Wortschatz viel zu klein.

Heute schon eine Whatsapp-Nachricht geschrieben? Instagram benutzt? Dabei Emojis verwendet? Dann sind Sie in guter Gesellschaft. An den kleinen Bildchen kommt man kaum mehr vorbei. Weltweit werden sie milliardenfach verschickt – jeden Tag.

Entstanden sind die Emojis um die Jahrtausendwende in Japan. Von dort stammt auch der Name. Emoji bedeutet ganz einfach «Bildschriftzeichen».

176 Stück gab es zu Beginn. Mehr als 2000 sind es heute. Tendenz steigend. Und lautete ganz am Anfang die Devise, Emojis hätten – auch aus technischen Gründen – so neutral zu sein wie möglich, gilt das nicht mehr. Diversität ist das Stichwort. Emojis, die Menschen darstellen, gibt es in allen Hautfarben und Geschlechtern. Bald gibt es auch eine Frau mit Kopftuch.

Gleichsam den Ritterschlag gab es 2015. Die «Oxford Dictionaries» machten ein Emoji zum «Wort des Jahres», Link öffnet in einem neuen Fenster: das Heul-vor-Glück-Emoji. Sprachpuristen dürften in Schnappatmung verfallen sein.

Screenshot: «Word of the year» und das Emoji.
Legende: Das Wort des Jahres 2015 in Grossbritannien: Ein Emoji. Oxford Dictionaries

Sogar Bücher nur mit Emojis gibt es: Das «Book from the Ground» des chinesischen Künstlers Xu Bing etwa, das einen Arbeitstag im Leben eines ganz normalen Angestellten schildert. Oder Fred Benensons «Emoji Dick», die Übertragung von Herman Melvilles Klassiker.

Und jetzt kommen die modernen Hieroglyphen unter dem Titel «Emoji – der Film» sogar ins Kino. Emoji Superstar.

Legende: Video Die bunte Welt der Emojis abspielen. Laufzeit 3:45 Minuten.
Aus 10vor10 vom 19.07.2017.

Guides im digitalen Kommunikationsdschungel

Christina Siever ist Sprachwissenschaftlerin an der Universität Zürich. Sie beschäftigt sich im Rahmen des Nationalfonds-Projekts «What's up, Switzerland?», Link öffnet in einem neuen Fenster mit der Frage, wie wir Emojis einsetzen.

Was also macht Emojis so beliebt? Siever unterscheidet zwei Hauptfunktionen, die Emojis erfüllen:

  1. Emojis dienen dazu, das Geschriebene zu bewerten und zu kommentieren. Emojis übernehmen hier Funktionen, die im Gespräch von Angesicht zu Angesicht Intonation, Mimik und Gestik haben. Siever spricht dabei von der so genannten Abtönungsfunktion. Und manchmal sind Emojis auch einfach nur Zierde – oder wiederholen das eben Geschriebene mit einem Bildchen.
  2. Emojis ersetzen ganz oder teilweise Substantive, Verben, Adjektive oder sogar Präpositionen. Das ist die so genannte Referenzfunktion. Im Vergleich mit der Abtönungsfunktion ist sie aber weitaus weniger häufig.
Ausschnitt aus einem Whatsapp-Chat
Legende: Referenzfunktion (Fahrrad, Berg, Sonne) sowie Abtönungsfunktion (Daumen hoch, das schwitzende Smiley) in einem Chat. Christina Siever

«Man zeigt, dass man dazugehört»

Doch warum brauchen wir Emojis überhaupt? Empirisch untersucht sei diese Frage noch nicht, sagt Christina Siever.

Sie vermutet: Wir brauchen Emojis nicht zuletzt, weil es einfach alle tun. «Man zeigt durch die Verwendung von Emojis, dass man dazugehört. Wenn alle Emojis verwenden, steigt der Druck, es auch zu machen. Das passiert auch sonst in der Kommunikation – zum Beispiel bei Anpassungen im Vokabular. Je nachdem, mit wem wir sprechen.»

Auch die Ästhetik spiele möglicherweise eine Rolle. «Whatsapp-Nachrichten beispielsweise sind oft sehr kurz. Im Gegensatz zu SMS fehlt meist eine Anrede oder ein Gruss. Die Emojis können so die Nachricht etwas aufpeppen. Es sieht einfach netter aus, wenn man nicht nur Text verwendet.»

In vielen Fällen werden Emojis sicherlich als Interpretationshilfen eingesetzt.
Autor: Christina SieverLinguistin, Universität Zürich

Ein weiterer Grund dürfte in der Art und Weise liegen, wie wir per Whatsapp, SMS oder Facebook-Messenger kommunizieren. Siever: «Es handelt sich um informelle Kommunikation. Geschwindigkeit ist wichtig, Rechtschreibung spielt keine grosse Rolle. In vielen Fällen werden Emojis sicherlich als Interpretationshilfen eingesetzt – in Fällen, bei denen im Gespräch Mimik, Gestik oder Tonfall diese Funktion übernehmen würden.»

Sprich: Emojis springen hier in eine Lücke. Sie sorgen dafür, dass wir uns digital besser verstehen.

Die Geburt einer neuen Sprache? Wohl nicht.

Emojis hier, Emojis da. Haben die kleinen farbigen Bildchen gar das Zeug zur eigenen Sprache?

«Auf keinen Fall», meint Christina Siever. «Sprache ist ein sehr komplexes Regelsystem, das weitaus mehr kann als Emojis. Mit Sprache können Aussagen logisch verbunden werden. Mit Emojis geht das schlecht. Auch Verneinung ist schwierig mit Emojis. Oder auch, Handlungen in der Zeit zu verorten – zum Beispiel in der Vergangenheit.»

Und dann gibt es noch ein weiteres Problem. Für viele Sachverhalte und Gegenstände existieren keine Emojis. «Der aktuelle Rechtschreibduden führt 145'000 Stichwörter auf. Natürlich ist der aktive Wortschatz eines einzelnen Sprechers kleiner. Aber selbst dieser Wortschatz ist um ein Vielfaches grösser als die aktuell zur Verfügung stehenden rund 2500 Emojis.»

Entschuldigungsgeste, Gebet oder doch ein «high five»?

Keine eigene Sprache also. Sind Emojis wenigstens überall auf der Welt verständlich? Ganz unabhängig von der Muttersprache? Schliesslich sind es doch «nur» Bildchen.

Auch nicht. Hier funkt die von Kultur zu Kultur verschiedene Interpretation von Zeichen dazwischen. Ein Beispiel: Das «Person mit gefalteten Händen»-Emoji.

Emoji «Person mit gefalteten Händen»
Legende: Sag mir, was Du siehst – und ich sag Dir, woher du kommst... («Person with folded hands», Apple-Version) SRF

«Dieses Emoji interpretieren die Japaner beispielswiese als ‹Entschuldigung› oder ‹Bitte›, erklärt Christina Siever. «In anderen Kulturen wird es als betende Hände interpretiert. Und die Amerikaner verwenden es teilweise als ‹high five›.»

Und damit nicht genug. Zu allem Überfluss sehen Emojis auch noch verschieden aus, je nachdem, was für ein Smartphone man benutzt. Siever: «Die graphische Umsetzung von Microsoft und Samsung legt eher die Interpretation ‹betende Hände› oder ‹Gruss› nahe. Dagegen können die Varianten von Apple und Google eher als ‹high five› interpretiert werden.»

Torpedieren Emojis die «gute» Sprache?

Ein kleiner Wortschatz, Interpretationsschwierigkeiten, keine Grammatik: Schaden Emojis der Sprache? Nein, findet die Linguistin Christina Siever. «Emojis sind meist nicht Teil der Aussage. In den meisten Fällen kommentieren sie diese nur – indem sie sie verstärken oder abschwächen. Und Emojis werden ja nur in der geschriebenen Sprache verwendet. Das heisst: Ein Einfluss auf die Sprache insgesamt (die ja auch die gesprochene Sprache umfasst) ist nicht zu erwarten. Studien zeigen zudem auch, dass die informelle digitale Kommunikation von Jugendlichen keinen Einfluss auf ihre Schreibkompetenz hat.»

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1 Kommentar

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  • Kommentar von Kim Hansson (Freddy Tobler)
    Emojis führen meiner Meinung nach zu einer Sprachverrohung. Zu erkennen ist dies schon heute wenn man Artikel in gewissen Zeitungen liest. Auch in der Artikulation wird dies immer mehr spürbar: erst hat sie gesagt.... dann habe ich gesagt... dann hat sie gesagt... Die Sprache der Dichter und Denker verblasst zugunsten der Effizienz. Häufig kann mangels Wortschatz nur angenommen werden was das gegenüber GENAU sagen will, aber das scheint nicht wichtig zu sein.
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