Wenn die Uhr anders tickt: Schlaftrunken in die Sommerzeit

Seit dieser Nacht gilt wieder die Sommerzeit. Um Punkt 2.00 Uhr wurden die Uhren auf 3.00 Uhr vorgestellt. Damit dauert der Ostersonntag dieses Jahr nur 23 Stunden. In den nächsten Tagen werden nicht wenige Zeitgenossen wieder Probleme mit dem Bio-Rhythmus haben, sagen Schlafforscher.

Uhren

Bildlegende: Uhrenfans haben alle Hände voll zu tun: Am Sonntag muss die Sommerzeit eingestellt werden. Reuters

Da die Uhren um eine Stunde vorgestellt werden, «verlieren» die meisten Menschen eine Stunde Schlaf. Manch einem drohe ein Mini-Jetlag, meint ein Experte.

Bis zum Ende der Sommerzeit am 27. Oktober bleibt es am Morgen länger dunkel, am Abend dafür länger hell. Dass Ostern und Zeitumstellung zusammenfallen, ist eher selten. Letztmals war dies 2005 der Fall.

Frankfurt gibt den Ton an

Die meisten öffentlichen Uhren werden heute per Funksteuerung umgestellt. Das Signal kommt von der deutschen Anlage DCF77 in Mainhausen nahe Frankfurt.

Wie viele Uhren per Funk vorgestellt werden, lässt sich laut Eidgenössischem Institut für Metrologie (METAS) nicht beziffern. Seit Ende 2011 nicht mehr in Betrieb ist der Langwellensender HGB in Prangins (VD). Er hatte seit 1966 offizielle, auf die koordinierte Weltzeit abgestimmte Zeitzeichen verbreitet.

Wenn der Entwerter streikt

Von der Zeitumstellung sind schweizweit rund 50 Züge betroffen, wie SBB-Sprecher Frédéric Revaz mitteilt. Es sind vor allem Nachtzüge der Zürcher S-Bahn. Wie jedes Jahr kommen alle Züge, die um 2 Uhr abfahren, mit einer theoretischen Verspätung von einer Stunde am Ziel an. Fernverkehrszüge sind laut Revaz nur wenige betroffen.

Oft steckt der Teufel jedoch im Detail. Bei der Zeitumstellung im Herbst 2011 haben landesweit etliche Billett-Entwerter gestreikt. Die orangen Geräte blieben entweder stehen oder tickten in der Sommerzeit weiter.

Erhöhtes Unfallrisiko

Der Wechsel von Winter- zu Sommerzeit erhöht das Unfallrisiko auf der Strasse. Zu diesem Schluss kommen verschiedene Studien. Aus Sicht der Forscher ist der Sekundenschlaf schuld, da viele Menschen generell über ein chronisches Schlafmanko verfügen.

Am Tag nach der Zeitumstellung nehme die Zahl der Verkehrsunfälle um acht Prozent zu, teilte das Inselspital Bern mit. Es stützt sich dabei auf verschiedene Studien.

Dieser Befund deckt sich mit den Ergebnissen einer Studie der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu), die von 1981 bis 2005 alle Unfälle in der Schweiz in der Woche nach der Zeitumstellung untersucht hat. Demnach ist die Zahl der Verkehrsunfälle und der Verletzten durchschnittlich um sieben Prozent gestiegen.

«Innere Uhr» noch nicht angepasst

Als weiteren Unfallgrund sieht das Inselspital die morgendliche Dunkelheit bei der Fahrt zum Arbeitsplatz. Ausserdem sei die «innere Uhr» des Menschen noch nicht an den neuen Rhythmus angepasst. Dafür brauche sie rund einen Tag.

Mathis empfiehlt, am Samstag eine Stunde früher schlafen zu gehen, um wenigstens die verlorene Stunde zu kompensieren. Noch besser sei es allerdings, bereits in der Vorwoche jeweils früher ins Bett zu gehen. Auf diese Weise könne sich die «innere Uhr» anpassen.

Energiesparen im Weltkrieg

Bereits während des Zweiten Weltkriegs gab es eine Sommerzeit: 1941 und 1942. Ziel war das Energiesparen. Allerdings entsprach das Resultat nicht den Erwartungen, weshalb der Bundesrat das Experiment 1943 abbrach.

Nachdem in den 1970er-Jahren Italien und Frankreich die Sommerzeit wieder eingeführt hatten – unter anderem als Antwort auf die Energiekrise von 1974 – legte der Bundesrat den Entwurf eines Zeitgesetzes vor. Dieses hätte ihn zur Wiedereinführung der Sommerzeit ermächtigt.

Sorge um die Kühe

Allerdings ergriffen bäuerliche Kreise das Referendum. Ihr Argument: Die Kühe könnten nicht plötzlich eine Stunde früher gemolken werden. Die Bauern hatten mit ihrem Widerstand Erfolg – das Gesetz wurde 1978 mit 52 Prozent Nein-Stimmen verworfen.

Als sich 1980 auch Deutschland und Österreich für die Sommerzeit entschieden, wurde die Schweiz in den Sommermonaten zu einer Zeitinsel. Der Bundesrat legte deshalb im gleichen Jahr das Zeitgesetz unverändert ein zweites Mal vor. Diesmal kam kein Referendum zustande.

Dennoch blieb die Sommerzeit umstritten. Letztmals forderte die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann 2010 in einer Motion deren Abschaffung. Der Nationalrat wollte davon aber nichts wissen. Offiziell heisst die Sommerzeit «Mitteleuropäische Sommerzeit» (MESZ).

In Europa gehört die Zeitumstellung zur Routine. Doch viele Länder schaffen es auch ohne sie. Eine weltweite Regelung gibt es nicht. Warum wir die Zeit umstellen, zeigt «Fünfmalklug» von «Wissen & Digital».

Von Hand umgestellt

Wer hat an der Uhr gedreht? Häufig keiner. Denn per Funk stellen sich heute viele Uhren zur Sommer- oder Winterzeit automatisch um. Kirchturmuhren müssen dagegen oft noch per Hand gestellt werden. Meist geschieht das am Samstagabend. Da ist es dunkel und es sieht niemand.

Die innere Uhr

Neben den Uhren an Handgelenken und Türmen gibt es auch die innere Uhr. Zeitforscher sprechen von menschlicher Zeitnatur, Schlafforscher nennen sie den biologischen Rhythmus. Diese innere Uhr ist sehr robust, ignoriert kurzfristige Änderungen und hilft bei Störungen, wieder in den Alltag zurückzukehren – etwa wenn man eine Nacht durchmacht.

Sozialer Jetlag

80 Prozent der Menschen brauchten Wecker, um rechtzeitig zur Arbeit zu gelangen, sind Forscher überzeugt. Jeder, der mit einem Wecker aufwacht, hat ein Schlafdefizit. An freien Tagen schlummert man dagegen gerne länger. Die innere Uhr befindet sich in einer anderen «Zeitzone», die zum Beispiel den Arbeitsbeginn regelt – dies ist der soziale Jetlag.

Gefühlte Zeit

Menschen erleben Zeit als etwas sehr Individuelles. Der Zug mit der Liebsten kommt in einer Viertelstunde am Bahnhof an – der Verehrer aber schaut jede Minute gequält auf die Uhr. Ein schöner Sommerurlaub scheint dagegen nur so zu verfliegen, auch wenn er zwei Wochen dauert. Zudem spielen Gefühle eine Rolle: Nichtstun verlängert die gefühlte Zeit.

Geschenkte Zeit

Wer warten muss, ärgert sich oft – könnte sich aber auch über die geschenkte Zeit freuen. Wie sich Menschen beim Warten verhalten, ist kulturell geprägt. Nordländer schauen auf einem Flughafen in kurzen Abständen wiederholt auf die Uhr. Südländer dagegen nehmen häufiger Kontakt zu anderen Wartenden auf oder schauen sich neugierig um.