Wenn Politiker ihr Herz auf der Zunge tragen

Bundesrat Ueli Maurer reagiert vor der Gripen-Diskussion im Nationalrat genervt. Einen SRF-Kameramann, der ihm offenbar zu nahe kommt, bezeichnet der Verteidigungsminister kurzerhand als «Aff» – vor laufender Kamera. Auch andere Politiker hatten schon ein loses Mundwerk.

Mal gibt es Lob und blumige Worte, dann kracht es wieder, und zwar im Superlativ. Das Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern ist ein gespanntes.

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Zu nah dran: Maurer staucht Kameramann zusammen

0:20 min, vom 12.9.2013

Der jüngste Vorfall: Passiert am frühen Mittwochmorgen. Bundesrat Ueli Maurer betritt den Nationalratsaal. Die Sendung «10vor10» will den Magistraten den ganzen Tag begleiten. Maurer lehnt das ab.

Er ist offenbar etwas angespannt, wegen der Abstimmung zum Gripen-Kauf. Ein SRF-Kameramann ist ihm dicht auf den Fersen – offenbar etwas zu dicht. Genervt betitelt der Verteidigungsminister den Kameramann kurzerhand als «Aff».

Das Departement rechtfertigt die Wortwahl des Verteidigungsministers damit, dass der Kameramann den Minimal-Abstand nicht eingehalten habe – Ueli Maurer also zu nah gekommen sei.

«Hauen Sie ab!»

Auch andere Schweizer Politiker haben sich schon unhöflich gegenüber einem Journalisten geäussert. «Das ist unprofessionell! Das sind Nichtigkeiten! Jetzt hauen Sie ab! Sie werden hier nie mehr erscheinen», sagt Pascal Couchepin zu einer Tessiner Fernsehjournalistin, als diese in einem Interview 2009 eine unrühmliche Geschichte aufrollt. Das kritische Interview zum Thema Komplementärmedizin bricht er daraufhin rüde ab.

Couchepins Sprecher räumt danach ein, dass das Interview «etwas chaotisch» verlaufen sei, «da die Journalistin bis zu fünfmal hintereinander immer wieder dieselbe Frage stellte».

«Das ist doch ein Scheiss, oder?»

Denkwürdig ist auch Moritz Leuenbergers Auftritt 2001. Der damalige Bundesrat gibt verschiedenen Sendern eine Stunde lang Interviews zu den Luftverkehrsverhandlungen mit Deutschland.

Der Privatsender «TV 3» lässt die Kameras auch zwischen den Interviews laufen. Und genau die Passagen zwischen den Interviews sind dann auch die weitaus interessanteren. Denn: Die Fragen des Westschweizer Fernsehens nerven Leuenberger so stark, dass er seinem Frust freien Lauf lässt: «Das ist doch ein Scheiss, oder? Und jetzt soll ich da noch eine halbe Stunde diesen Scheiss ablassen mit unvorbereiteten Journalisten? Peinlich.»

Leuenberger beruhigt sich kaum und beklagt sich weiter bei seinem Team: «Das ist doch jetzt ein Scheiss, was der gefragt hat.» Mürrisch setzt sich der damalige Medienminister dann wieder auf seinen Stuhl und sagt: «Huere Scheiss.»

«Das Riesenarschloch»

Politiker im Ausland handeln auch nicht anders als die Schweizer. Jüngst leistet sich Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer einen kleinen Ausraster.

Als ein Team des Westdeutschen Rundfunks Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) bedrängt, wird er offenbar wütend. «Das geht so nicht», sagt Seehofer laut der «Main-Post» über das Benehmen der Journalisten. Er werde sich sofort darum kümmern. Und dann folgt der Satz: «Die müssen raus aus Bayern.»

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Bush tuschelt doch – oops – das Mikrofon ist offen (Originalton)

0:14 min, vom 12.9.2013

Fast schon legendär ist auch Bushs ungeplantes Geständnis: «Da ist Adam Clymer, das Riesenarschloch von der ‹New York Times›», flüstert Bush im Jahr 2000, damals im Wahlkampf seinem Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten, Dick Cheney, ins Ohr. Cheneys Antwort: «Oh ja, das ist er, und was für eins.» Was die beiden Politiker nicht wissen: Das Mikrofon ist eingeschaltet.

Der «New York Times»-Journalist hat zuvor in mehreren Artikeln kritisch über Bushs Wahlkampf berichtet.

Sarkozy unbeherrscht

Fehlende Contenance hat auch schon Nicolas Sarkozy an den Tag gelegt. Sein berühmtester verbaler Ausrutscher richtet sich aber nicht gegen einen Journalisten, sondern gegen eine Zivilperson, einen Wähler.

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«Hau ab, du Idiot»: Sarkozys Ausraster (Originalton)

0:14 min, vom 12.9.2013

Die Landwirtschaftsschau gehört zu den alljährlichen Pflichtterminen der nationalen Politik: Es geht natürlich darum, Bürgernähe zu zeigen. Eingeklemmt zwischen Sicherheitsbeamten, seinem Landwirtschaftsminister und der Prominenz der Bauernschaft, kämpft sich Sarkozy, lächelnd, aber sichtlich nervös, an ausgestreckten Händen vorbei.

Bis sich ein Herr dem Händedruck verweigert. «Fass mich nicht an», murmelt er. «Du machst mich schmutzig.» Und Sarkozy: Er reagiert mit einem pampigen «Casse-toi, pauv'con!» – Hau ab, du Idiot.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Nationalrat sagt «Ja» zum Gripen-Kauf

    Aus 10vor10 vom 11.9.2013

    Der Nationalrat stimmte heute dem Kauf von 22 neuen Gripen-Kampfflugzeugen zu. Nach einer jahrelangen öffentlichen Debatte, haben sich die bürgerlichen Parteien mit wenigen Ausreissern zum Geschäft bekannt. Ein wichtiger Etappen-Sieg für Verteidigungsminister Ueli Maurer.