Aargau: Chrischona und Reformierte haben verschiedene Ansätze

Sie glauben das Gleiche und haben das gleiche Ziel: Sowohl die Freikirche Chrischona wie auch die Reformierte Landeskirche wollen Gläubige ansprechen. Der Freikirche gelingt das sehr erfolgreich über persönliche Kontakte. Die Landeskirche sucht den Kontakt zu den «Distanzierten».

Menschen in der Kirche

Bildlegende: Freikirchen und Landeskirchen lassen sich nur schwer vergleichen. Die Strukturen sind zu unterschiedlich. Keystone

Die Reformierte Landeskirche des Kantons Aargau hat rund 180'000 Mitglieder. Sehr viele davon – Schätzungen gehen von 60 bis 70 Prozent aus – haben eine grosse Distanz zur Kirche.

Sie bezahlen zwar Kirchensteuer, nehmen am kirchlichen Leben aber in keiner Weise teil. Die Folge: Die Kirchen leeren sich, an einem normalen Sonntagsgottesdienst nehmen nur wenige Personen teil. Ihr Durchschnittsalter ist hoch.

Die grosse Distanz zur Kirche lässt sich erklären. Die Mitglieder werden in der Regel in eine Landeskirche hineingeboren. Kurz nach der Geburt wird man getauft. Bis zur Konfirmation nimmt man an kirchlichen Aktivitäten teil. Dann bricht der Kontakt häufig ab.

Distanz zur Reformierten Kirche ist okay

Früher redeten die Kirchenoberen den distanzierten Mitgliedern ein schlechtes Gewissen ein. Ein gutes Mitglied war, wer in die Kirche ging. Doch diese Haltung sei heute überholt, sagt Christoph Weber-Berg, der Präsident des Kirchenrates der Reformierten Landeskirche Aargau: «Wir sollten ihnen zeigen, dass wir froh sind, wenn sie unsere wertvolle Arbeit ermöglichen, indem sie Kirchensteuern bezahlen.»

Weber gibt Beispiele: Seelsorge für kranke Menschen, Studenten, Gefangene und Asylbewerber, Räume für soziale Aktivitäten, Bibelkreise etc. Damit die «Distanzierten» aber doch noch einen Bezug zur Kirche behalten, sollen sie in Zukunft gezielter kontaktiert werden.

Schon seit einiger Zeit erhalten Paare, die sich reformiert trauen lassen, einen Gutschein für ein späteres Gespräch. In einem neuen Projekt zur Mitgliederbindung will die Reformierte Landeskirche Aargau ihre Mitglieder nun in ganz speziellen Lebenssituationen kontaktieren.

Christoph Weber-Berg: «Wir schreiben zum Beispiel zwanzig Jahre nach der Konfirmation und fragen, ob die Person sich noch erinnern kann. Und wir drücken unsere Freude darüber aus, dass jemand noch immer in der Kirche ist.»

Solche Aktionen sind nötig. Denn die Reformierte Landeskirche verliert immer mehr Mitglieder. Einerseits macht sich die demografische Entwicklung bemerkbar. Viele Reformierte sterben weg. Und die Austritte häufen sich. 2013 waren es 2700 bei nur 300 Neueintritten.

Freikirche Chrischona wächst und baut

Genau umgekehrt die Situation bei den Chrischona-Gemeinden im Aargau. Die Freikirche wächst seit einigen Jahren, nicht rasant, aber stetig. In Beinwil am See hat die Gemeinde soeben neue Räume bezogen. Sie hat eine ehemalige Fabrik gekauft und dort einen grossen Versammlungsraum mit vielen Nebenräumen eingerichtet.

Vorher fanden die Veranstaltungen in einer alten Kapelle statt. Diese platzte aber aus allen Nähten. 120 Gläubige hat die Chrischona-Gemeinde Beinwil am See. Weit über die Hälfte davon trifft sich jeweils am Sonntag zum Gottesdienst im neuen Versammlungsraum. Im ganzen Aargau besuchen Sonntag für Sonntag rund gegen 1000 Personen Gottesdienste der Chrischona.

In Beinwil führt ein Moderator durch den Gottesdienst. Eine Band spielt und der Pastor hält die Predigt. Einen wichtiger Teil des Gottesdienstes nehmen «Lebensberichte» ein. Gläubige erzählen von ihren Erlebnissen mit Gott. Pastor Bernhard Lüthi kennt sämtliche Gläubigen. Er sieht sie häufig in den Gottesdiensten und er besucht sie zu Hause im Rahmen der Seelsorge.

Dass die Gemeinde klein ist, schätzt der Pastor. Er sieht darin auch den Hauptgrund dafür, dass die Chrischona wächst:

«  Die Leute sind nicht nur Karteikarten für mich. So entsteht Nähe. Bei uns läuft vieles über persönliche Beziehungen. So kommen die Leute zu uns. »

Dieses Rezept funktioniert auch bei anderen Chrischona-Gemeinden im Aargau. In Seon und Lenzburg haben Gemeinden viel Geld in neue Gebäude investiert. Und im Wynen- und Suhrental sind weitere Projekte geplant.

Jede Kirche soll ein Original sein

Macht die Chrischona-Freikirche vieles richtig und die Reformierte Kirche vieles falsch? Nein, sagt Pastor Bernhard Lüthi. Man könne die beiden Kirchen nicht miteinander vergleichen. Das sieht auch Christoph Weber-Berg so. Zu unterschiedlich seien die Strukturen.

Versteht sich eine Freikirche wie die Chrischona als gemeinschaftsstiftende Institution, tendiert die Landeskirche Aargau dazu, sich als Einrichtung für den Service Public zu verstehen.

Kirchenrats-Präsident Christoph Weber-Berg: «Wir können soziale Leistungen und Seelsorge erbringen bei Menschen ohne zu wissen, ob sie Mitglied sind. Wer Seelsorge braucht, hat diese Leistung zugute. Das ist unser Dienst an der Gesellschaft und unsere Chance.»

Christoph Weber-Berg und Bernhard Lüthi betonen, dass sie bei den Glaubensinhalten eigentlich keine Unterschiede sehen. In der Form aber, wie man die Gläubigen anspreche, müsse jede Kirche ihren eigenen Weg finden. Einander kopieren, das sei keine Lösung.