AKW Kaiseraugst: Die ehemaligen Gegner im Gespräch

Der Aargauer Ueli Fischer leitete 16 Jahre lang das Projekt zum geplanten AKW Kaiseraugst, welches dann aber nie gebaut wurde. Über seine Erinnerungen und Erlebnisse von damals hat er nun das Buch «Brennpunkt Kaiseraugst» geschrieben. Sein Gegner von damals, Peter Scholer, schrieb das Nachwort.

Ueli Fischer (l.) und Peter Scholer treffen sich im Studio in Aarau zum Gespräch über das nie gebaute AKW Kaiseraugst.

Bildlegende: Ueli Fischer (l.) und Peter Scholer treffen sich im Studio in Aarau zum Gespräch über das nie gebaute AKW Kaiseraugst. SRF

Ueli Fischer versteht bis heute nicht, wie es dazu kommen konnte, dass das Kernkraftwerk Kaiseraugst nicht gebaut wurde. Er hatte nach längerer Vorbereitungszeit alle Bewilligungen in der Tasche und Anfang 1975 liess er die Baumaschinen auffahren.

Die Protestbewegung gegen das AKW Kaiseraugst musste sich unerwartet für einen längeren Aufenthalt einrichten. Entsprechend improvisiert war die Infrastruktur.

Bildlegende: Improvisierte Infrastruktur: Die Protestbewegung musste sich unerwartet für einen längeren Aufenthalt einrichten. Keystone

Doch dann wurde das AKW-Gelände besetzt, zuerst von Wenigen, dann von Tausenden. Und der Staat reagierte nicht, konnte nicht reagieren. Im Gespräch mit dem damaligen Aargauer Polizeikommandanten erfuhr Fischer, dass es im Aargau damals nur 280 Polizisten gab. Und diese waren für Einsätze gegen Demonstranten nicht ausgebildet. Die Beamten hätten zum Teil nicht einmal Helme gehabt.

Ueli Fischer erinnert sich im Gespräch mit dem Regionaljournal Aargau Solothurn von Radio SRF: «In der Schweiz war man sich das nicht gewohnt. Einen Rechtsbruch dieser Dimension kannte man bis anhin gar nicht. Der Staat war darauf nicht vorbereitet.»

Die Demonstranten wollten eigentlich gehen

Überrascht von der Inaktivität der Behörden war auch Peter Scholer. Der Gründer der Bewegung «Gewaltfreie Aktion Kaiseraugst» (GAK) und damit der Anführer der Besetzung, rechnete damit, dass die Aktion nach zwei Tagen beendet sein würde.

In Deutschland hatte er bei früheren Auseinandersetzungen um ein geplantes AKW gesehen, wie die Polizei hart durchgriff. Als das in Kaiseraugst nicht passierte, hatten die Demonstranten zunächst Probleme mit sich selber, denn sie mussten sich für einen längeren Aufenthalt einrichten.

Peter Scholer sagt dazu schmunzelnd: «WCs und Verpflegung, das hatten wir gar nicht organisiert. Wir rechneten nämlich wirklich damit, dass der Staat reagiert. Wir waren überzeugt: Nach einer Nacht sind wir wieder weg.»

Die Demonstranten blieben, der Widerstand gegen das AKW Kaiseraugst wurde immer grösser, und 1989 wurde das Projekt politisch definitiv beerdigt. Eine Gruppe bürgerlicher Politiker sah ein, dass das AKW nicht mehr machbar war. Deshalb entschied das Parlament das Projekt zu beenden.

Ueli Fischer war damals selber Nationalrat für die FDP. Er wurde angefragt, ob er den Verzichtsvorstoss selber auch unterschreiben würde. Das brachte er aber nicht übers Herz. Er weiss noch, dass er nicht Ja sagte zur Einstellung des Projekts. Er kann sich aber nicht mehr erinnern, ob er Nein gestimmt oder sich enthalten hat.

Ein zerstörtes Lebenswerk

Mit einem Mahnmal erinnerte die Protestbewegung an ihren Erfolg den AKW-Bau in Kaiseraugst verhindert zu haben.

Bildlegende: Mit einem Mahnmal erinnerte die Protestbewegung an ihren Erfolg den AKW-Bau in Kaiseraugst verhindert zu haben. Keystone

Mit dem Aus für das Kernkraftwerk Kaiseraugst war das Lebenswerk von Ueli Fischer, der dieses Projekt im Auftrag der Motor Columbus geleitet hatte, zerstört. Sein Buch «Brennpunkt Kaiseraugst – das verhinderte Kraftwerk», arbeitet die Ereignisse zwischen 1970 und 1989 noch einmal auf.

Es ist die subjektive Sicht von Ueli Fischer. Geschrieben ist sie sehr verständlich, das Buch ist ein wichtiges Dokument zur Zeitgeschichte. Und es ist ein versöhnliches Buch. Ueli Fischer hat Peter Scholer eingeladen, das Nachwort zu schreiben. Darüber freute sich Scholer sehr, und er zögerte nicht, zur Feder zu greifen.

Geändert hat sich an den Positionen von Ueli Fischer und Peter Scholer zwar rein gar nichts. Aber immerhin: Sie reden miteinander und ziehen als Lehre aus den früheren Auseinandersetzungen die Erkenntnis, dass man Brücken bauen sollte. Brücken, die es unter anderem bei der Diskussion über die Endlagerung radioaktiver Abfälle dringen braucht.