Badener Quartiervereine können Senioren nicht mehr gratulieren

Zum 80. Geburtstag eine Flasche Wein oder einen Topf Honig? Damit ist es vorbei in Baden. Eine Tradition der Quartiervereine stirbt aus. Die Vereine kommen nämlich nicht mehr an die Geburtsdaten der Quartierbewohner heran. Die Stadt muss das kantonale Datenschutzgesetz umsetzen.

Rüeblitorte

Bildlegende: Aarauer Senioren erhalten vom Stadtrat bei hohen runden Geburtstagen eine Rüeblitorte. Wikipedia Commons/At u

In Aarau müsste man Senior sein! Feiert man den 95. Geburtstag, läutet Stadtweibel Anton Aeschbach an der Tür. Er kommt nicht mit leeren Händen. Die Jubilare erhalten drei Flaschen Wein, einen Blumenstrauss und eine Rüebli-Torte. Das alles ist garniert mit einem Brief des Stadtrates.

Nicht die ganze Bescherung gibt es, wenn man jünger ist. Ein Achzigjähriger muss sich mit dem Wein begnügen, eine Achzigjährige erhält den Blumenstrauss. Beschenkt werden die Aargauer Seniorinnen und Senioren aber nicht nur an ihren runden Geburtstagen. Auch bei einem wichtigen Hochtzeits-Jubiläum erscheint der Stadtweibel.

«Ich werde meist freundlich empfangen», sagt Anton Aeschbach. «Es gibt nur ganz wenige Einwohner, die meinen Besuch nicht wünschen. Das sind vielleicht solche, die irgendeinmal Streit hatten mit der Stadt.»

Die Senioren warten auf den Weibel

Aeschbach meldet sich bei den Senioren gar nicht an. Er klingelt einfach. Seine Trefferquote ist extrem hoch. «In 99 Prozent der Fälle sind die Leute zu Hause. Nur in den Ferien ist es ein bisschen schwieriger.» Dass Aeschbach keine Mühe hat, die Senioren zu treffen, hängt damit zusammen, dass die Gratulationen in Aarau eine Institution sind.

Aeschbach ist seit über 20 Jahren in dieser Mission unterwegs. Gegen 50 Besuche macht er pro Monat. «Die Leute wissen, dass ich an ihrem Geburtstag komme», sagt der Stadtweibel. «Deshalb sind sie auch zu Hause.»

In Baden kommt der Hauswart

Die Stadt Baden kennt keinen Weibel. Dafür hat sie einen Hauswart. Und dieser besucht die Einwohner an jedem Geburstag ab 90. Er bringt drei Flaschen Ortsbürgerwein und Süssigkeiten. Höheren Besuch bekommt, wer 90 oder 100 Jahre alt wird. In diesen Fällen erscheint der Stadtammann persönlich. Und als weitere Dienstleistung besucht in Baden eine Angestellte der Sozialen Dienste in der Adventszeit alle Einwohner ab 80. Es gibt bei diesen Besuchen Wein und ein kleines Geschenk.

Bei den acht Badener Quartiervereinen ist es ebenfalls Brauch, dass sie sich um die Senioren kümmern. Vorstandsmitglieder machen Besuche und werden vielleicht zu einem Kaffee eingeladen. Ob sie Präsente mitbringen, ist ihnen selber überlassen.

Im Quartier Martinsberg ist Sandra Schoop im Namen des Quartiervereins für die Gratulationen zuständig. Sie schenkt den Senioren an den runden Geburtstagen ab 80 jeweils einen Topf Honig. «Wir haben im Quartier einen Imker. Und gerade ältere Leute haben gern Honig. So muss ich mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, was ich schenken soll.»

Die Liste mit den Geburtsdaten erhielten die Badener Quartiervereine bis vor kurzem von der Einwohnerkontrolle der Stadt. Doch damit ist nun Schluss. Die Stadt ist nicht mehr befugt, Dritten die genauen Geburtsdaten ihrer Einwohner zugänglich zu machen. Grund ist das kantonale Gesetz über den Datenschutz.

Bettina Glaus, Leiterin des Stadtbüros: «In Baden unterstützen wir das Vereinsleben nach Kräften. Aber wir müssen uns an die kantonalen Richtlinien halten. Wir empfehlen den Vereinen, ein Gesuch einzureichen, das wir prüfen können.»

Die Stadt könnte dann zum Beispiel eine Liste zur Verfügung stellen mit den Adressen aller Quartierbewohner ab 75 oder 80 Jahren. Die Vereine müssten dann bei jedem einzelnen Senior das Geburtsdatum erfragen. Ein riesiger Aufwand, den die Vereine nicht leisten können oder wollen. Sukzessive wird das Gratulationswesen darum eingestellt.

Sandra Schoop vom Quartierverein Martinsberg bedauert das: «Es ist doch etwas, bei dem die Senioren merken, dass sie nicht einfach nur eine Nummer sind. Wenn die Besuche wegfallen, weil wir die Daten nicht mehr erhalten, ist das sehr schade.»