Proteste gegen AKW Gösgen Es hätte auch schlimmer ausgehen können

Polizei-Helikopter, Panzer, Tränengas, flüchtende Demonstranten: Die Szenen, die sich im Sommer 1977 rund ums AKW Gösgen abspielten, schreckten auf. Die politisch gefährliche Situation hätte auch weniger glimpflich enden können.

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Vor 40 Jahren: Protest gegen AKW Gösgen

0:59 min, vom 7.8.2017

In Zitronensaft getränkte Windeln hat Ruth Marbach mitgenommen, als sie im Juli 1977 an die Demonstration gegen das AKW Gösgen reiste. Die damals 24-jährige Hochbauzeichnerin wollte sich mit den Windeln gegen das Tränengas schützen. Die erprobte Demonstrantin wusste, dass die Polizei einschreiten könnte und bereitete sich entsprechend vor.

Heute ist Ruth Marbach 64, sitzt am Tisch ihres Einfamilienhauses in Derendingen und erzählt ruhig von den unruhigen Zeiten. Als sie regelmässig an die Kundgebungen der Anti-AKW-Bewegung ging. Weil sie es unverantwortlich fand, den nachfolgenden Generationen den jahrtausendelang strahlenden Atommüll zu hinterlassen.

950 Polizisten in Kampfmontur

Viele dachten wie Ruth Marbach. Am Pfingstmarsch gegen das AKW Gösgen nahmen im Jahre 1977 über 10'000 Menschen aus allen Schichten teil. An einer weiteren Demonstration Ende Juni waren es 3000. Und eine Woche später gingen 6000 Menschen nach Gösgen, obwohl sie damit rechnen mussten, dass sie von der Polizei gestoppt werden.

Schwarz-weiss-Bild von demonstrierenden Menschen

Bildlegende: Tausende machten sich am 2. Juli von Olten aus nach Gösgen auf, um dort die Zufahrtswege zum AKW zu besetzen. Keystone

Fast 1000 Polizisten aus der ganzen Schweiz wurden damals nach Gösgen aufgeboten. Mit Helikopter, Panzer, Hunden, Tränengas und Schlagstöcken verhinderten sie, dass die Demonstranten die Zufahrtsstrassen zum AKW besetzen konnten.

Wie Staatsfeinde behandelt

Die Polizei stellte den Protestierenden mehrmals ein Ultimatum, bevor sie Tränengas einsetzte. Warum sind die Demonstranten trotzdem nicht gegangen? «Wir sahen uns im Recht», erzählt Ruth Marbach: «Wir fanden, der Staat schütze nicht die Interessen der Bürger, sondern der Atom-Industrie. Das war für uns nicht richtig. Deshalb blieben wir, solange es ging».

Die Flucht vor dem Tränengas war gefährlich. Eine Gruppe flüchtete in Panik über die Eisenbahngeleise. Augenblicke später raste ein Schnellzug vorbei. «Dass Gewalt gegen uns eingesetzt wurde, war ein unangenehmes Gefühl», sagt Ruth Marbach, die später für die POCH und die Grünen politisch aktiv war: «Auf uns wirkte es, als wären wir Feinde des Staates. Dabei verstanden wir uns auch als wichtigen, aktiven und verantwortungsbewussten Teil der Gesellschaft.»

Die Demokratie hatte Defizite

Die «Samstagsrundschau» des Schweizer Radios kam 1977 in einer Analyse zu den Ereignissen von Gösgen zum Schluss: Bei den Demonstrationen ging es um mehr als nur um den Protest gegen AKW. Es ging um eine weitergehende Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung.

Obschon 1977 in der Schweiz bereits drei Atomkraftwerke in Betrieb waren, hatte es nie eine Volksabstimmung über die Atomenergie gegeben. Auch zu anderen zentralen Fragen wie etwa den Nationalstrassen konnte sich das Volk nicht direkt äussern.

Baustelle mit Kranen

Bildlegende: Gösgen war nach Beznau 1 + 2 und Mühleberg das vierte AKW, das gebaut wurde. Eine Volksabstimmung gab es nicht. Keystone

Das Unbehagen gehe über die AKW-Frage hinaus, habe sich nur in den Protesten mal Luft verschafft, analysierte der Inland-Redaktor der Samstagsrundschau: «Es zeigt sich bei dieser Frage besonders deutlich, dass das Volk oder ein Teil davon den Eindruck hat, es sei übergangen worden, es finde ein Abbau der Demokratie statt».

Die Politik besserte nach. 1979 fand die erste Volksabstimmung zur Atomenergie statt.

«Bürgerkriegsprobe»

Auch der Polizeieinsatz wurde nach den Ereignissen von Gösgen diskutiert. Die Bilder von Polizisten in Atemschutzmasken und von Panzern, die gegen Demonstranten auffahren, erschreckten die Öffentlichkeit. War die Machtdemonstration des Staates verhältnismässig?

Die Solothurner Zeitung schrieb damals von einer «Bürgerkriegsprobe». Hätten die Demonstranten mehr als nur vereinzelt mit Flaschen und Steinen geworfen, und hätte die Polizei mehr als nur Tränengas eingesetzt, hätte die Situation eskalieren können, meinten auch die Reporter des Schweizer Radios, die damals vor Ort waren. So aber sei es «glimpflich ausgegangen» und die tränenden Augen der Demonstranten seien «das kleinere Übel als eingeschlagene Köpfe bei Prügeleien».

Es braucht wenig zur Eskalation

Es hätte schlimmer ausgehen können. Das meint auch Ruth Marbach. Die Ereignisse vom Sommer 1977 hätten der Schweiz vor Augen geführt, wie wenig es brauche, dass eine Situation eskaliere. Wie beim Landesstreik, als 1918 Soldaten auf Bürger schossen und es in Grenchen Tote gab.

Der Landesstreik sei lange Zeit als «Ausrutscher» angesehen worden, meint Ruth Marbach. Man habe sich nicht vorstellen können, dass so etwas in der Schweiz wieder passieren könne. Bis dann eben der Sommer 1977 kam und zeigte: «Ja, es ist auch in der Schweiz so, dass wenn eine Bewegung stark genug ist und die Interessen der Mächtigen angekratzt werden, es gefährlich werden könnte».