«Es hat jetzt massiv mehr Leute auf der Aare»

Noch vor ein paar Jahren «gehörte» die Aare vor allem der Kursschifffahrt, Fischern und Sportvereinen. Mittlerweile ist die Aare zwischen Solothurn und Altreu vor allem in den Sommerferien ein sehr beliebtes Ausflugsziel. Es gibt neue Benutzergruppen, und die alten haben ihre Gewohnheiten geändert.

Früher warf Marco Vescovi seine Angelrute auch an schönen und heissen Sommertagen in der Aare aus, und die Fische bissen an. Heute geht der Präsident des solothurnisch-kantonalen Fischereiverbandes zwar an solchen Tagen immer noch auf die Aare, aber ohne Rute. «Die Fische beissen eh nicht an, es hat zu viele Leute. Deshalb habe ich mich den Ausflüglern angeschlossen und gehe heute mit meiner Familie an die Aare – ohne Angelrute», schmunzelt Vescovi.

Der Versicherungsagent hat seine Gewohnheiten auf der Aare geändert, weil die Benutzung sich schlagartig verändert hat. «In den letzten zwei Jahren hat sich die Zahl der Leute auf der Aare fast explosionsartig vergrössert», erklärt Vescovi. Früher sei die Aare an vielen Tagen vor allem durch Fischer besetzt gewesen. Heute habe es neben den früheren Benützern Motorboote, viele Schlauchboote, Schwimmringe, Stand-up-Paddler und Schwimmer.

Mehr Motorboote und mehr Fischer

Messbar ist dieser Anstieg nur teilweise, zum Beispiel bei den Motorbooten. Die kantonale Motorfahrzeugkontrolle bestätigt auf Anfrage, dass in den letzten Jahren die Anzahl Motorboote auf der Aare Jahr für Jahr leicht angestiegen ist.

Mittlerweile sind 780 Motorboote auf der Aare offiziell angemeldet. Zugenommen hat auch die Anzahl Fischer. Laut Vescovi sind die Jungfischer-Kurse in letzter Zeit immer ausgebucht, viele Interessenten müssen aufs nächste Jahr vertröstet werden.

Im Gegensatz dazu ist die Zunahme an Ausflüglern – auf Schlauchbooten und Schwimmringen – zwar nicht direkt messbar, sie fällt aber denjenigen auf, die regelmässig auf der Aare unterwegs sind. Zum Beispiel Markus Bärtschi, Chefkapitän bei der Bielersee-Schifffahrtsgesellschaft (BSG). Seit über 20 Jahren fährt er auf der Aare hin und her und er sagt: «Es hat ganz bestimmt mehr Leute auf der Aare. Wohl auch deshalb, weil es heute mehr Sportarten und mehr Freizeitaktivitäten gibt, als vor 20 Jahren. Das merken wir sehr wohl.»

Künstliche Inseln mit einem Grill drauf

Gerade das «Tuben», also in einem Schwimmring den Fluss hinunter treiben, sei in den letzten Jahren stark angestiegen. Häufig würden mehrere Ringe oder Schlauchbote aneinander gebunden, wodurch kleine, künstliche Inseln auf der Aare entstünden. Manchmal, so Chefkapitän Bärtschi, seien es bis zu 30 Ringe oder Boote, die zusammengebunden werden.

«Und manchmal entdecken wir darauf sogar einen Grill – in Funktion!», schmunzelt Bärtschi. Mitgeschleppt werde manchmal auch kistenweise Bier oder harter Alkohol. Auf manchen «Inseln» gehe es sehr feucht-fröhlich zu und her.

Und auch die Schwimmer haben die Aare für sich entdeckt. Das ist Peter Forster aufgefallen, dem Chef Breitensport beim Ruderclub Solothurn. «Früher waren die Schwimmer einfach bei der Solothurner Badi, wo es einen Einstieg gibt», erinnert sich Forster, der bereits seit den 60er Jahren auf der Aare rudert.

«  Heute sind die Schwimmer überall. Sie sind sogar nachts in der Aare. »

Peter Forster
Chef Breitensport beim Ruderclub Solothurn

Es habe schon manchen Beinahezusammenstoss gegeben. Während die Ruderer nachts mit Licht unterwegs sein müssen, gibt es für die Schwimmer hier keine Regelung und kein Gesetz.

Hinzu komme, dass viele Schwimmer keine Ahnung haben von dem, was auf der Aare gilt. Das sagt Romano Mombelli, der derzeit wohl bekannteste Aareschwimmer. Im April stellte er als jüngster Schweizer Schwimmer einen neuen Rekord auf mit der Durchquerung der Gibraltar-Meerenge zwischen Spanien und Nordafrika.

«  Der Durchschnittsbürger hat keine Ahnung von den Regeln auf der Aare.  »

Romano Mombelli
Aareschwimmer und Rekordhalter

Und: Viele seien sich auch nicht bewusst, dass nicht alle auf sie Rücksicht nehmen müssen, sondern eher umgekehrt.

Die Aare ist auch für Naturfans spannend: Neben vielen Vögeln, wie dem selten gewordenen Eisvogel, tummeln sich insgesamt in und neben der Aare zwischen 150 und 200 Biber, erklärt Wildbiologe Mark Struch. Hinzu kommen natürlich viele Fische wie die Forelle, der Alet, der Hecht und natürlich der Wels. Dieser zieht sowohl Fischer wie auch Taucher magisch an. Der Raubfisch kann mehrere Meter lang werden und ist ein Blickfang und auch ein guter Speisefisch.

Die Geschichte vom Riesen-Wels

Video «Riesenwels in der Aare» abspielen

Riesenwels in der Aare

3:54 min, aus Schweiz aktuell vom 7.10.2008

2008 filmte der Taucher Alain Bauermeister einen Wels in der Aare, der drei Meter lang war. Der Wels, der sich damals beim sogenannten Bettlach-Rank tummelte, lockte Naturfans und Fischer an. Ein tschechischer Sportfischer kündigte gar an, den Riesenfisch fangen zu wollen.

Die darauffolgenden, teils heftigen Reaktionen aus der Bevölkerung bewogen den Fischer aber dazu, den Wels in Ruhe zu lassen. Dieser Fisch könnte heute noch in der Aare zwischen Solothurn und Grenchen unterwegs sein. «Ich glaube sogar, es gibt inzwischen mehrere davon», sagt Marco Vescovi. Der Fisch, der sich sogar von ausgewachsenen Enten ernährt, gedeihe gut in der Aare.

(bras; Regionaljournal Aargau Solothurn, 17:30 Uhr)

Die Regionaljournal-Serie

Start der Serie ist am Montag, 30. Juni. Täglich wird ein Beitrag ausgestrahlt, jeweils ab 17.30 Uhr, im Regionaljournal Aargau Solothurn auf SRF1. Jeweils nach der Ausstrahlung gibt es im Internet weitere Infos zum Thema, Bilder, zusätzliche Interviews und Hintergründe zur Aare-Serie.