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Gemeinden wie Firmen Geschäftsführer und Teilzeit-Ammann: So wird Wohlen regiert

Immer mehr Gemeinden setzen auf eine professionellere Verwaltung und entlasten damit die Politik, also den Gemeinderat. Nun führt auch Wohlen dieses «Geschäftsführermodell» ein, als erste grosse Gemeinde im Aargau.

Natürlich steht die «Affäre Dubler» im Hintergrund: Der Streit um den früheren Gemeindeammann hat dazu geführt, dass man in Wohlen auch die Organisation der Gemeinde überprüft hat. Wer entscheidet was? Wer kontrolliert wen?

Die Gemeinde hat sich für ein Modell entschieden, das zum Beispiel in Muri oder Villmergen schon praktiziert wird. Das «Geschäftsführermodell». Rund die Hälfte der Schweizer Gemeinden seien so organisiert, sagt eine Studie von Reto Steiner, Direktor der School of Management and Law an der Zürcher Hochschule in Winterthur.

Das sind die Eckpunkte der neuen Organisation:

  • Neu gibt es nur noch 5 statt 7 Verwaltungsbereiche. Deshalb gibt es auch nur noch 5 Gemeinderäte.
  • Die Verwaltung wird von einem Geschäftsführer geleitet, die Abteilungsleiter bilden eine Geschäftsleitung.
  • Der Gemeinderat und der Gemeindeammann fungieren als «Verwaltungsrat», arbeiten nur noch strategisch – das Tagesgeschäft übernimmt die Verwaltung.
  • Der Gemeindeammann arbeitet nicht mehr Vollzeit. Vorgesehen ist ein Pensum zwischen 60 und 80 Prozent.

«Wohlen hat etwas Pioniercharakter», sagt Gemeindeexperte Reto Steiner gegenüber SRF. Grosse Gemeinden hätten häufig noch einen vollamtlichen Politiker an der Spitze. Im Aargau sei Wohlen die einzige Gemeinde mit dieser neuen Organisationsform.

16'000 Einwohner führen mit 60 Stellenprozent?

Arbeitsplatz
Legende: Der Gemeinderat gibt die Strategie vor, die Verwaltung setzt um: So haben Politiker in Gemeinden etwas weniger Arbeit. Colourbox (Symbolbild)

Für den künftigen Gemeindeammann Arsène Perroud ist das neue Modell ein Geschenk. «Ich habe schon immer Jobsharing gemacht, Arbeit und Kindererziehung mit meiner Lebenspartnerin aufgeteilt.»

Experte Steiner ist etwas skeptischer. «Die Erfahrung zeigt, dass auch bei einem reduzierten Pensum die Gemeindepräsidenten dann doch sehr viel für die Gemeinde arbeiten.»

Modell mit Zukunft – aber kein Allerheilmittel

Grundsätzlich aber hält Reto Steiner das Modell «Geschäftsführer» für ein Modell mit Zukunft. Die Vorteile aus seiner Sicht:

  • Politiker werden entlastet: Gemeinderäte müssen sich nicht mehr um operative Details kümmern. So entscheidet die Verwaltung bei einem Schulhaus-Neubau zum Beispiel über die Farbe der Fassade. Die Politik gibt Rahmenbedingungen wie Grösse, Standort und Kosten vor.
  • Mehr Kandidierende: Weniger Arbeit macht das Amt als Milizpolitiker attraktiver. Die Hoffnung ist, dass sich mehr Menschen finden, die sich für ein Amt zur Verfügung stellen.

Eine stärkere Verwaltung kann aber auch Probleme verursachen, gibt Reto Steiner zu. Er sieht vor allem folgende Gefahren:

  • Geschäftsführer und Verwaltung haben viel Verantwortung, aber auch viel Einfluss und Macht. Es braucht eine aktive Kontrolle durch den Gemeinderat (und im Fall von Wohlen durch das Parlament, den Einwohnerrat).
  • Strategische Führung braucht Kompetenzen: Die Anforderungen an Gemeinderäte sind für Steiner heute eher grösser als früher. Wer dem Profipersonal in der Verwaltung «auf die Finger» schauen will, muss selber auch etwas vom Geschäft verstehen.

Neue Köpfe in der Verwaltung?

Die neue Organisation der Gemeinde Wohlen ist im Dorf kaum mehr umstritten. Der Einwohnerrat hat die entsprechende Vorlage am Montagabend praktisch diskussionslos mit 31 zu 4 Stimmen genehmigt.

Kritisch äussert sich vor allem noch der parteilose (bis vor kurzem SVP) Einwohnerrat Marco Palmieri. Man müsste in der Verwaltung nicht nur das Organigramm ändern, sondern auch die Köpfe, glaubt er. «Es wurden keine Stellen neu ausgeschrieben. Es kommen damit keine kritischen Blicke von aussen in das System», so seine Kritik.

Experte Steiner sieht den Gemeinderat in der Verantwortung. Es brauche mehr Personalentwicklung in den kommunalen Verwaltungen. Man müsse die Angestellten weiterbilden und es wäre gut, wenn Verwaltungsangestellte zum Beispiel vorübergehend auch in anderen Gemeinden arbeiten könnten.

«Die Personalentwicklung ist eine strategische Frage», sagt Steiner. Für die Strategie zuständig sind die Politiker, auch im neuen Führungsmodell. Das heisst: Die Arbeit geht auch den Teilzeit-Gemeinderäten sicher nicht aus.