Hallenbäder als Bürde: Rothrist investiert Millionen

Die Gemeindeversammlung von Rothrist hat am Donnerstagabend einen Millionenkredit beschlossen: Die Gemeinde will ein neues Hallenbad bauen. Das Bad im Dorf stammt aus den 70er-Jahren und ist dringend sanierungsbedürftig. Dieses Problem kennen auch viele andere Gemeinden.

Blick ins Hallenbad mit Backsteindekor aus den 70ern

Bildlegende: Man nennt es «Tropfsteinhöhle» im Dorf: Das Hallenbad in Rothrist aus den Siebzigern. zvg/Badi Rothrist

661 Menschen: So viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer gab es laut Gemeindeammann Hans Jürg Koch noch nie an einer Gemeindeversammlung in Rothrist. «Wir haben nur 520 Stühle im Gemeindesaal. Über 100 Leute mussten den ganzen Abend stehen», entschuldigt sich der SVP-Mann nachträglich beim Stimmvolk.

Ein klares Bekenntnis zum Hallenbad

Das grosse Interesse an der ausserordentlichen Gemeindeversammlung zeigt: Das Hallenbad in Rothrist bewegt die Gemüter. Und offenbar ist es ein grosses Bedürfnis der Bevölkerung, dass dieses Angebot in der Gemeinde erhalten bleibt. Mit 625 Ja gegen lediglich 36 Nein hat das Stimmvolk einen Kredit von fast 20 Millionen Franken beschlossen. Das Hallenbad soll abgerissen werden und durch einen Neubau ersetzt.

«Man hat sich während mehr als 40 Jahren an dieses Angebot gewöhnt», erklärt Hans Jürg Koch die breite Zustimmung gegenüber SRF. Seit 1973 besteht das Hallenbad in Rothrist. Es verzeichnet über 100'000 Besucherinnen und Besucher jährlich. Zudem sei ein Hallenbad eine wichtige Einrichtung «für die Jugend, für das Alter und die Gesundheit», wie Koch zu bedenken gibt.

Keine Solidarität der Nachbargemeinden

Einstieg in ein Wasserbecken

Bildlegende: Hallenbäder verursachen hohe Betriebskosten - und müssen nach einigen Jahrzehnten saniert werden. Colourbox

Trotzdem: Eine Investition von fast 20 Millionen Franken bei einem Gesamtbudget von 35 Millionen der Gemeinde Rothrist sei schon ein «ganz grosser Betrag», gibt der SVP-Politiker zu. Deshalb hat Rothrist auch alle umliegenden Gemeinden - auch im Nachbarkanton Solothurn - um finanzielle Mithilfe gebeten. Vergeblich allerdings.

«Ich habe Verständnis dafür. Auch die anderen Gemeinden kämpfen mit finanziellen Problemen. Und auch sie machen geltend, dass man Lasten trage, von denen andere Gemeinden profitieren», sagt Hans Jürg Koch. Trotzdem wünscht er sich gesetzliche Grundlagen, um sogenannte «Zentrumslasten» besser ausgleichen zu können: «Aber das ist ein schwieriger Weg».

Viele Hallenbäder in der Region brauchen Sanierungen

Diese Erfahrung mussten auch andere Gemeinden in der Region bereits machen. In vielen Gemeinden stehen nämlich Hallenbäder aus den 70er-Jahren, die dringend saniert werden müssen. 13 von 15 Hallenbädern im Aargau seien sanierungsbedürftig, meldete die «Aargauer Zeitung» im Dezember.

Hallenbäder im Aargau

Ort
BaujahrZustand (Quelle: Recherchen «Aargauer Zeitung»)
Aarau
1974Gesamtsanierung und Erweiterung angedacht
Baden1969Sanierungen 2006, 2009; aktuell Flachdach-Sanierung geplant
Bremgarten
1972/74Gesamtsanierung ab April (Kredit von knapp 5 Millionen gesprochen)
Brugg1981/82Gesamtsanierung angedacht, Planung ab 2017
Frick1974Sanierung 1993 und 2008
Kaiseraugst1975Gesamtsanierung angedacht
Mellingen1975Gesamtsanierung 2008, laufende Sanierungen
Menziken1971Gesamtsanierung in Planung (Projektierungskredit genehmigt)
Nussbaumen1969/71Teilsanierung 2013/14, weitere Sanierungen in Planung
Rothrist1973Neubauprojekt beschlossen (20 Millionen), Baustart ab Frühling 2017
Seon1974Sanierung 2006, aktuell Diskussionen über Weiterbetrieb, Entscheid 2016
Sisseln1973/74Gesamtsanierung 2011 (4,1 Millionen)
Spreitenbach1973Sanierung und Ausbau in Planung
Wettingen1974Dringender Sanierungsbedarf, Baukredit im Frühling
Entfelden1968Sanierung 1997/98 (8,5 Millionen)

Und überall ist das Geld knapp. Deshalb überlegen sich Gemeinden wie Seon im Aargauer Seetal zum Beispiel, ob man das Hallenbad sogar schliessen soll. In Kestenholz im Kanton Solothurn wurde das Hallenbad bereits im Jahr 2014 geschlossen. In Schönenwerd stand die Schliessung 2012 zur Diskussion, wurde aber per Volksabstimmung verhindert. Inzwischen hat die Gemeinde fast fünf Millionen in die Sanierung investiert.

Balsthal: Hier droht die Schliessung

In Balsthal laufen die Diskussionen aktuell noch: Eine Studie spricht von bis zu sechs Millionen Franken, die investiert werden müssten in das Hallenbad Falkenstein. Die Gemeindeversammlung hat aber aufgrund einer früheren Offerte nur 1,7 Millionen bewilligt. Eine Spezialkommission soll bis im Juni klären, wie viel die Sanierung tatsächlich kostet.

Für den Gemeindepräsidenten Roland Stampfli ist aber klar: Wenn die Sanierung mehr als 1,7 Millionen verschlingt, dann gibt es einen schmerzhaften Entscheid. «Die Option ist die Schliessung», sagt Stampfli klipp und klar. Balsthal könne sich eine millionenschwere Sanierung schlicht nicht leisten. «Ein Hallenbad ist ein Luxus», gibt der ehemalige Lehrer zu bedenken. «Es gibt auch andere Gemeinden ohne Hallenbad, dort lernen die Schüler trotzdem schwimmen.»

Man müsste halt eine neue Lösung finden, so Stampfli. Mehr Schwimmunterricht während der Sommermonate im Freibad oder eine Vereinbarung mit dem Hallenbad im benachbarten Mümliswil zum Beispiel. Von einer Lösung à la Rothrist aber könne man in Balsthal nur träumen.

Hallenbäder im Kanton Solothurn

Ort
Bemerkungen, Zustand (Quelle: Recherchen SRF)
BalsthalGesamtsanierung notwendig, Finanzierung unklar, es droht die Schliessung
Breitenbachimmer wieder kleinere Sanierungen z.B. 2003, 2010
DornachSchwimmhalle Schulanlage Gwänd, div. kleinere Sanierungen
GrenchenSchwimmhalle Schulzentrum, Sanierung Haustechnik 2010
Kestenholzseit 2014 geschlossen
MümliswilSanierung 2014 abgeschlossen (1,85 Millionen)
OltenAreal Kantonsschule, Sanierung für 2016 geplant
Schönenwerd2012 Volksabstimmung, Sanierung 2014 abgeschlossen
SolothurnAreal Pädagogische Hochschule, seit 2014 Betrieb durch die Stadt
ZuchwilSportzentrum, insgesamt Investitionsbedarf (Zuchwil bezahlt pauschal 1 Million pro Jahr)

«Radikallösungen» nach 40 Jahren Betrieb

Diese Beispiele zeigen: Die Zeit der meisten Hallenbäder aus den 70er-Jahren ist eigentlich abgelaufen. Jetzt stehen die grossen Investitionen an. In vielen Gemeinden braucht es deshalb radikale Lösungen: Entweder die ersatzlose Schliessung wie in Kestenholz oder vielleicht auch bald in Balsthal. Oder aber Abbruch und Neubau wie in Rothrist.

Den Entscheid seiner Stimmbürger bezeichnet Gemeindeammann Hans Jürg Koch als «mutig». «Dafür erhalten wir ein ganz neues Bad, welches wieder für viele Jahre hält. Und wir machen nicht die gleichen Fehler wie in den 70er-Jahren», so Koch.

Im Frühling 2017 will man ihn Rothrist mit dem Abbruch beginnen - im Herbst 2018 soll das neue Hallenbad seine Tore öffnen. Derweil man in Balsthal froh ist, wenn das Hallenbad 2018 überhaupt noch in Betrieb ist...