First Responder Herz-Notfälle: Der Aargau hinkt hinterher

Bei einem Herznotfall zählt jede Minute: Je schneller mit erster Hilfe begonnen wird, desto höher die Überlebenschancen der Patienten. Eine Faustregel besagt: Eine Minute ergibt 10 Prozent höhere Überlebenschancen.

Deshalb setzen verschiedene Kantone auf sogenannte First Responder: Laien, welche im Notfall schneller als die Ambulanz vor Ort sind und die Patienten bereits reanimieren, bis die Rettungssanitäter dann übernehmen. Diese Laien entscheiden so vielleicht über Leben und Tod.

Männer in Rettungsuniformen reanimieren einen Patienten am Boden mit Herzmassage

Bildlegende: Bei Herz-Kreislauf-Notfällen pressiert es: Gemäss Sanität Thurgau erhöht jede Minute die Überlebenschance um 10 Prozent. Colourbox

Viele Kantone retten Leben

Allein in der Nordwestschweiz könnte man mit schnellerer Hilfe rund 250 Leben retten jedes Jahr - das rechnet die Herzstiftung Olten auf ihrer Website vor. Viele Kantone nutzen deshalb die Ressourcen von Laien: Im Kanton Tessin gibt es ein grosses Netz von Herznotfall-Helfern. Diese werden per App aufgeboten im Notfall.

Ein ähnliches System verfolgt auch der Kanton Bern, dort wächst das Netz der Helferinnen und Helfer stetig. Aktuell sind rund 900 Laien für den Einsatz bei Herz-Notfällen verfügbar.

Auch die Kantone Baselland und Basel-Stadt prüfen nun den Aufbau eines First Responder-Systems. Dabei lassen sich die Initianten ebenfalls von den positiven Erfahrungen im Tessin und in Bern inspirieren.

129 Einsätze im Kanton Solothurn

Einen anderen Weg geht der Kanton Solothurn. Hier haben 38 von 88 Feuerwehren eine sogenannte Herznotfall-Gruppe. Angehörige der Feuerwehr, welche im Dorf wohnen oder arbeiten und damit schneller vor Ort sein können als die Ambulanz aus Solothurn, Olten oder Dornach.

Die Solothurner Feuerwehren haben im Jahr 2016 laut Jahresbericht der zuständigen Gebäudeversicherung 129 Einsätze geleistet bei Herznotfällen. Gut 6 Prozent aller Feuerwehreinsätze gehen damit auf das Konto dieser First Responder. Allerdings sind die Einsätze häufig von kurzer Dauer - nur gut 3 Prozent der Einsatzstunden wird im Kanton Solothurn für Herznotfälle benötigt.

Der Einsatz von «Blaulicht-Organisationen» als First Responder sei besonders sinnvoll, heisst es bei der Herz-Stiftung Olten. Die Erfahrungen im Kanton Tessin zeigten, dass rund 80 Prozent der Einsätze von Feuerwehr oder Polizei geleistet würden - auch bei einem System mit Freiwilligen also.

Im Aargau gibt es kein System

Und im Aargau? Hier gibt es bisher keine einheitliche Lösung. Feuerwehren und Samaritervereine können auf freiwilliger Basis First Responder-Gruppen ins Leben rufen und werden dann durch die Notrufzentrale aufgeboten. Bisher sind allerdings lediglich neun solcher Gruppen im ganzen Kanton gemeldet.

Immerhin haben diese neun Gruppen im Jahr 2016 aber knapp 260 Notfall-Einsätze geleistet, gemäss den Einsatzstatistiken auf ihren Internetseiten (vgl. Tabelle). Wie viele Leben damit gerettet wurden, kann niemand sagen. Aber offensichtlich werden die First Responder gebraucht, wenn es sie gibt.

First Responder im Aargau (Stand 25.7.2017)

Ort/Region
Organisation
Anzahl Einsätze 2016
Eigenamt (Birr, Lupfig, Scherz)
Feuerwehr31
Erlinsbach (AG und SO)
Feuerwehr4
ObersiggenthalFeuerwehr57
RothristFeuerwehr50
Rupperswil-AuensteinFeuerwehr15
Suhrenthal (Schöftland, Holziken, Hirschthal, Staffelbach)
Feuerwehr (Regiowehr)
43
WettingenSamariterverein Lägern-Wettingen
39
WürenlingenFeuerwehr19
ZofingenStützpunktfeuerwehr--

Warum sucht der Kanton Aargau keine flächendeckende Lösung, um Leben von Herz-Kreislauf-Patienten zu retten? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Die Aargauer Regierung erklärte im Juni 2016 in einer Antwort auf einen Vorstoss aus dem Parlament zum Beispiel, man «unterstütze derartige Bestrebungen».

Die Unterstützung aus Aarau scheint aber eher symbolischer Art. Denn weiter heisst es im Text der Regierung auch: «Engagiert in diesem Bereich sind Organisationen auf Gemeinde- oder regionaler Ebene.»

Beim zuständigen kantonsärztlichen Dienst heisst es auf Anfrage nur, diese Frage sei «immer wieder ein Thema». Aber: Man spüre grosse Skepsis bei den Feuerwehren.

Die Aufgabe ist umstritten - und wird delegiert

Die für das Feuerwehrwesen zuständige Aargauische Gebäudeversicherung (AGV) unterstützt Herznotfall-Gruppen nicht. Sie schreibt klipp und klar: Der Gemeinderat habe jeweils zu entscheiden, ob die Feuerwehr für Herz-Notfälle eingesetzt werden dürfe.

«Die Feuerwehrpflicht wird aber in jedem Fall immer absolut oberste Priorität haben.» Anschaffungen und Betriebskosten von First Responder-Gruppen gingen «vollumfänglich zu Lasten der Gemeinden». Diese Aussagen der AGV stammen aus dem Jahr 2009. Auf Anfrage heisst es, der Inhalt gelte weiterhin unverändert.

Der Aargauische Feuerwehrverband hingegen sieht sich selber in einem Dilemma. «Es ist die Grundaufgabe der Feuerwehr, zu helfen», sagt Präsident Joe Habermacher. Aber: «Es braucht einen Auftraggeber, und der muss dahinter stehen.»

Es fehlt ein Bekenntnis der Politik

Mit anderen Worten: Wer von der Feuerwehr Notfalleinsätze für Herzpatienten verlangt, der muss auch die Folgen tragen. Infrastruktur und Einsätze kosten Geld, es braucht eine Pikett-Organisation, Einsatzkräfte brauchen unter Umständen psychologische Betreuung, .

Grundsätzlich sei die Gesundheitsversorgung im Aargau ja gut ausgebaut, betont auch Joe Habermacher. Aber zwischen den Zeilen wird in Gesprächen mit Aargauer Feuerwehrleuten klar: Einige würden gerne mehr tun im Bereich Herznotfälle. Es fehlt dazu die Rückendeckung. Ohne ein politisches Bekenntnis zu diesem Auftrag werden viele Feuerwehren auch weiterhin keine Leben von Herzpatienten retten..

Hinkt der Aargau im Bereich «First Responder» dem Rest des Landes also hinterher? Joe Habermacher sagt vorsichtig: «Man kann dieser Aussage grundsätzlich nicht widersprechen.»

Projekt aus Olten

Die Herz-Stiftung Olten will den Einsatz von Laien fördern. Das Tessiner System (App für freiwillige First Responder) soll das bisherige Feuerwehr-System im Kanton Solothurn ergänzen. Später möchte die Herz-Stiftung auch in den umliegenden Kantonen mehr Laien-Retter im Einsatz sehen. Sie hat dazu im März 2017 ein Projekt lanciert.