Im Aargau gewinnt der Fusionszug wieder an Fahrt

In den letzten Jahren standen gelungenen Fusionen viele gescheiterte Projekte gegenüber. Die Fusions-Euphorie im Aargau erlitt einen Dämpfer. Jetzt gewinnen die Diskussionen aber wieder an Schwung. Unter anderem deshalb, weil mit dem Badener Stadtammann ein erklärter «Fusions-Turbo» am Werk ist.

Der Badener Stadtammann Geri Müller machte schon im Wahlkampf klar: Fusionen haben für ihn oberste Priorität. «Wir sind derart zusammengewachsen, dass man die Grenzen gar nicht mehr sieht. Eigentlich haben wir uns funktional zusammengeschlossen.»

Mit «uns» meint Müller die Nachbargemeinden Obersiggenthal, Neuenhof, Wettingen und Ennetbaden. Der Badener Stadtammann würde lieber heute als morgen fusionieren. Aber er weiss, dass das nicht geht. 2010 hat Baden die Fusion mit Neuenhof abgelehnt, wenn auch nur knapp. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass das sonst so weltoffene Baden zu dieser Fusion nein sagen würde.

Seither herrschte bezüglich Fusionen Funkstille in der Region. Jetzt brachte die Gemeinde Ennetbaden den Ball wieder ins Rollen. Die Gemeindeversammlung entschied, allerdings eher knapp, dass der Gemeinderat einen Zusammenschluss mit Baden und/oder anderen Gemeinden prüfen solle. Geri Müller freuts. Ginge es nach ihm, könnte eine Fusion schon 2018 Tatsache sein. Aber Ennetbaden will sich Zeit lassen. Der Zeithorizont dort: Frühestens 2022.

Zahl der Gemeinden sinkt

Sollte eine Fusion Baden-Ennetbaden Tatsache werden, würde sie sich in die gelungenen Fusionsprojekte der letzten Jahre im Aargau einreihen. Seit 2009 gab es elf Fusionen, daraus entstanden die Gemeinden Mettauertal, Villmergen, Aarau, Laufenburg, Brugg, Kaisten, Merenschwand, Bözberg, Bremgarten, Schinznach und Endingen.

Momentan weit fortgeschritten sind die Fusionsprojekte Spreitenbach-Killwangen, Scherz-Lupfig und Mittleres Fricktal. Ein grosse Projekt läuft im Bezirk Aarau. Es heisst «Zukunftsraum Aarau». Praktisch alle Gemeinden des Bezirks machen sich Gedanken darüber, wie sie besser zusammenarbeiten könnten. Ob daraus Fusionen entstehen oder einfach intensivere Kooperationen, ist noch völlig offen.

Aber nicht jeder Fusionsanlauf gelingt. Die Reihe gescheiterter Projekte ist lang: Zofingen-Uerkheim, Döttingen-Klingnau, Birr-Birrhard, Oberkulm-Unterkulm, Neuenhof-Baden. Markus Leimbacher ist Fusionsexperte. Er hat schon viele Fusionen als Projektleiter begleitet. Als Gemeindeammann von Villigen hat er sein Dorf in die Fusion mit Stilli geführt. Ein Entscheid, den dort heute niemand mehr rückgängig machen wolle, ist Leimbacher überzeugt.

Braucht der Aargau grosse Agglomerationsgemeinden?

In letzter Zeit sei die Fusionsdynamik etwas eingeschlafen, beobachtet Leimbacher. «Es geht den Gemeinden finanziell recht gut. Der Druck zum Fusionieren ist nicht so gross», sagt der Experte. «Dazu kommt: Wir hatten Gesamterneuerungswahlen in den Dörfern. Nun sind neue Gemeinderäte am Werk. Da stehen Fusionen nicht zuoberst auf der Prioritätenliste.»

Leimbacher wünscht sich starke Agglomerationsgemeinden im Aargau. Diese könnten ein Gegengewicht bilden zu den Zentren Basel, Bern und Zürich. Als Grossgemeinden sieht Leimbacher Aarau, Baden und Brugg-Windisch. Aber auch in den ländlichen Gebieten solle im grossen Stil fusioniert werden. «Kleine Fusionen von zwei Gemeinden machen keinen Sinn. Es wäre besser, wenn sich ganze Talschaften zusammenschliessen würden.»

Finanziell gibt es für Gemeinden keinen Grund, eine Fusion zu scheuen. Zusammenschlüsse werden vom Kanton finanziell unterstützt. 2010 wurde die Fusion Mettauertal (Etzgen, Hottwil, Mettau, Oberhofen, Wil) Tatsache. Die aus den winzigen Dörfern entstandene Gemeinde hat knapp 2000 Einwohner. Vom Kanton erhielt die neue Gemeinde damals 15 Millionen Franken.