Karl Ballmer: Ein vergessener Star aus dem Aargau

Karl Ballmer ist ein spannender Aargauer Künstler. Einerseits durch seine Biografie: Er war ein Star in der deutschen Kunstszene, wurde von den Nazis vertrieben. Andererseits aber steht nun auch Ballmer selber in einem zweifelhaften Licht: Weil er den mutmasslichen Raubkunst-Sammler Gurlitt deckte.

Bild von Ballmer

Bildlegende: Karl Ballmer, «Sphinx» (1931, Öl auf Sperrholz): Beliebt bei den Fans im Hamburg, «entartete Kunst» für die Nazis. Aargauer Kunsthaus/Depositum Karl Ballmer-Stiftung

Sie sorgte international für Schlagzeilen: Die Geschichte rund um den deutschen Kunstsammler Cornelius Gurlitt. Nach dessen Tod im Jahr 2014 wurde bekannt, dass der Sammler mutmassliche Raubkunst aus der nationalsozialistischen Zeit besass. Noch laufen Untersuchungen, noch ist nichts bewiesen.

Doch die Vermutung liegt nahe: Vater Hildebrand Gurlitt hatte für die Nazis Bilder gestohlen - und diese dann vor den Nazis in Sicherheit bringen wollen, in seinem eigenen Keller. Darunter Meisterwerke von Picasso oder Chagall. Einer, der sich für Gurlitt wehrte und mutmasslich sogar für ihn gelogen hat, ist der Aargauer Künstler Karl Ballmer. Er fühlte sich seinem Freund Hildebrand Gurlitt zeitlebens verpflichtet.

Erfolge beim Hamburger Publikum

Weshalb das so war, erklärt sich an Ballmers Biografie. Diese beginnt vielversprechend. In den 20er-Jahren trifft der Aargauer Maler den Geschmack der deutschen Kunstszene. Seine Bilder zeigen Körper und Köpfe in zarten Farben, einfach und schlicht. Grosse, eckige Augen oder feine Schlitze schauen den Betrachter aus kürbisartigen, runden Gesichtern oder aus ganz schmalen Köpfen an.

Ein Formenarsenal, neu kombiniert. Die moderne Kunst trifft den Nerv des Publikums in der norddeutschen Hafenstadt, wie der Aargauer Kunsthaus-Kurator Thomas Schmutz gegenüber SRF erklärt: «Das ist ja etwas ganz massgebendes, wenn man von Kunst, Literatur oder Theater spricht: Dass auch neue Sachen kreativ erfunden werden.»

«Entartete Kunst» in den Augen der Nazis

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Bildlegende: Ein Werbeplakat weist im August 1938 in Salzburg auf eine Ausstellung über «entartete Kunst» der NSDAP hin. Bundesarchiv, Bild 146-1974-020-13A / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

Doch die Zeiten ändern sich, die Nazis kommen an die Macht. Die Kunst von Karl Ballmer wird als «entartet» diffamiert. Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle, dass Ballmer mit einer Jüdin verheiratet ist. Ballmer erhält ein Berufsverbot.

Kurator Schmutz: «1938 war das der Hauptgrund dafür, dass er Hamburg Hals über Kopf verlassen musste. Er hatte lange die Hoffnung, dass es gut kommt, wenn er sich nur ruhig verhalte, zum Beispiel keine Ausstellungen mehr mache. Aber leider ging das nicht.»

Fluchthelfer und Freund: Die Beziehung zu Gurlitt

Ballmer flieht in die Schweiz. Und ist dabei auf die Unterstützung des Hamburger Freundes Hildebrand Gurlitt angewiesen. Er half wohl mit, dem Aargauer Künstler das Leben zu retten. Allerdings: Als Künstler verschwindet Ballmer nach seiner Flucht mehr oder weniger von der Bildfläche. Er gerät in Vergessenheit, kann nicht mehr an seine Erfolg in Deutschland anknüpfen.

Jetzt zeigt das Kunsthaus in Aarau die Werke von Karl Ballmer und erinnert damit an dessen Werk. Gleichzeitig erinnert das Kunsthaus aber auch daran, wie schwierig der Umgang mit dem Nationalsozialismus sein kann. Indem es Ballmer und seine Verbindung zum umstrittenen Kunstsammler Gurlitt ebenfalls thematisiert.

Karl Ballmer

Der Maler und Schriftsteller wurde 1891 in Aarau geboren. Nach einem Studium in München lebte er zuerst in der Schweiz und interessierte sich stark für die antroposophische Lehre Rudolf Steiners. Ab 1922 wohnte er in Hamburg. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz 1938 lebte er abgeschieden im Tessin, wo er 1958 verstarb.