Kein neues Wehr in Luzern: Aargau setzt auf Alternativen

Am Übergang vom See zur Reuss in der Stadt Luzern wird kein Wehr gebaut. Das haben die Kantone Aargau und Luzern entschieden. Vor allem der Aargau erhoffte sich mit dem Wehr einen besseren Hochwasserschutz. Jetzt setzen die beiden Kantone auf bewährte Mittel wie Renaturierungen und Rückhaltebecken.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Aargau forderte besseren Hochwasserschutz vom Kanton Luzern
  • 2012 einigten sich die beiden Kantone, ein Hilfswehr im Vierwaldstättersee zu prüfen
  • Andere Massnahmen wie Rückhaltebecken werden nun forciert
Norbert Kräuchi

Bildlegende: Norbert Kräuchi, Hochwasser-Spezialist des Kantons Aargau: «Wir wurden nicht über den Tisch gezogen.» Stefan Ulrich/SRF

Für 20 Millionen Franken hätte man das Wehr bauen können. Direkt unter der Seebrücke wären grosse Klappen aus Stahl eingebaut worden, die man bei Hochwassergefahr hätte ausfahren können.

Doch die Fachleute sind zum Schluss gekommen, dass der Aufwand den Nutzen nicht rechtfertigt. Ein Wehr macht nur Sinn, wenn man Hochwasser voraussagen kann. Man muss also wissen, wo Gewitter drohen und wie viel Wasser in den See fliessen wird.

Zuerst absenken, dann auffangen

Wenn man das weiss, kann man den See im Voraus absenken. Nur dann kann er ein Hochwasser auffangen und so die Landschaften entlang der Reuss vor Hochwasser schützen.

Die Studien haben nun ergeben: Voraussagen zu Hochwasser sind in der Region des Vierwaldstättersees fast unmöglich. Rund um den See gibt es viele Täler und Berge. Die Wettersituation kann von Minute zu Minute ändern.

«  Eine Prognose über zwei drei Tage erreicht man nicht für eine Vorabsenkung des Sees. »

Norbert Kräuchi
Leiter Abt. Landschaft und Gewässer Kt. AG

Kommt dazu: Eine sehr kritische Stelle bei Hochwasser liegt unterhalb von Luzern, nämlich dort, wo die kleine Emme in die Reuss mündet. Die kleine Emme hat ein grosses Einzugsgebiet, insbesondere die Napf-Region. Und diese ist bekannt für ihre heftigen Gewitter.

Die kleine Emme kann sich innert Minuten von einem kleinen Rinnsal in einen reissenden Fluss verwandeln. Dann ergiessen sich Hunderte von Kubikmetern Wasser in die Reuss. Und dagegen nützt ein Wehr am Ende des Sees nichts.

Sandsäcke vor einem Holzhaus.

Bildlegende: Wie kann man Hochwasser im Reusstal verhindern? Keystone

Alternativen zum Wehr

Zweieinhalb Jahre haben die Abklärungen zu den Vor- und Nachteilen eines Wehrs bei der Seebrücke in Luzern gedauert. Die Fachleute sind zur Einsicht gelangt, dass man die Mittel besser in andere Hochwasser-Projekte investiert.

Der Kanton Luzern setzt auf Renaturierungen. Er will der Reuss mehr Raum geben. Dafür werden viele Hektaren Ackerland geopfert. Diese Massnahmen kosten fast 170 Millionen Franken.

Im Aargau will man nicht so viel Geld in die Hand nehmen. 20 Millionen Franken, so die Fachleute des Kantons, sollten reichen, um im oberen Freiamt Massnahmen gegen das Hochwasser zu realisieren.

Ausgänge fürs Wasser

Gebaut wird nach dem Konzept «ableiten und rückhalten». Geplant ist, die Dämme entlang der Reuss mit Sollbruchstellen zu versehen. Bei Hochwasser würden sich also sozusagen Ausgänge öffnen, und das Wasser würde kontrolliert ausströmen auf Landwirtschaftsland. Dieses würde dann als Rückhaltebecken funktionieren.

Diese Massnahmen werden jetzt erst geplant und konzipiert. Die Bauern im Freiamt sind über die Pläne des Kantons informiert. Natürlich werden sie entschädigt, wenn sie ihre Felder als Überflutungsflächen zur Verfügung stellen. Begeistert sind sie von den Plänen aber nicht.

«  Man lässt das Wasser die Reuss hinunter. Die Aargauer sollen nun schauen. Damit sind wir nicht einverstanden. »

Ralf Bucher
Geschäftsführer Bauernverband Aargau