«Man geht nicht in den Aargau»: Grenzerfahrungen im Wynental

Die Grenze zwischen Menziken (AG) und Beromünster (LU) oder zwischen Reinach (AG) und Pfeffikon (LU): Das ist nicht nur eine Kantonsgrenze, das war über Jahrhunderte auch eine Religionsgrenze. Die Geschichte prägt wohl auch die Mentalität der Menschen. Eine Ausstellung geht auf Spurensuche.

«Wir sind nicht in den Aargau gegangen»: Das sagt ein Mann aus Beromünster über seine Kindheit, auf einer Tonaufnahme, die in der Ausstellung «Der Rüebligraben» im Reinacher Museum Schneggli gezeigt wird. «Wir gingen nach Beromünster in die Schule. Zehn Kilometer Schulweg. Obwohl das Schulhaus in Reinach nur etwa einen Kilometer entfernt war.» Dies eine andere Aussage.

Luzerner und Aargauer trennt etwas. Doch was ist es, was diesen «Rüebligraben» vielleicht ausmachen könnte? Die Ausstellung in Reinach zeigt: Es ist wohl die religiöse und wirtschaftliche Geschichte, welche die Mentalitäten in dieser ländlichen Gegend geprägt hat.

Religionsgrenze prägt Mentalitäten

Zum einen wurde die Bevölkerung nach der Eroberung durch Bern (1415) und vor allem nach der Reformation (1528) religiös getrennt. Im Luzernischen herrschte weiterhin der mächtige Stift von Beromünster – im Aargau erbauten die neuen Berner Herren reformierte Kirchen – als bewusste Provokation. Die Reinacher Kirche gilt als eines der ersten neu erbauten reformierten Gotteshäuser in der ganzen Schweiz.

Die Religionen prägten über Jahrhunderte aber auch die Kultur der Menschen: Die barocken Luzerner feierten weiter Fasnacht, die zwinglianischen Aargauer wurden gebüsst, wenn sie an einer «Kilbi» in den luzernischen Nachbardörfern erwischt wurden.

Industrialisierung ab 1720

Diese Mentalität war es vielleicht auch, welche die wirtschaftliche Entwicklung beeinflussten. Im Aargauer Wynental entstand ab 1720 eine blühende Industrie – zuerst Baumwolle, dann Tabak. Fabriken wurden gebaut. Auf der Luzerner Seite aber beschwor die Kirche das Bauerntum und Gewerbe.

Auch dieser Unterschied währte Jahrhunderte lang. «Die Arbeiter, die am Morgen mit dem Zug von Beromünster in den Aargau fuhren, das waren Bürger zweiter Klasse», erinnert sich ein Zeitzeuge an die 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts.

Gibt es die Unterschiede noch?

Inzwischen ist der Graben mehr oder weniger zugeschüttet. «Misch-Ehen» zwischen Reformierten und Katholiken sind kein Thema mehr. Fabriken gibt es auch im Kanton Luzern und in Reinach oder Menziken wird Fasnacht gefeiert.

Trotzdem: «Vielleicht sind die Leute in Beromünster etwas spontaner, offener. Das könnte mit der Prägung der katholischen Kultur zu tun haben», meint Ausstellungsmacher und Kulturhistoriker Hans Ruedi Weber.

Die Grenzen verschwimmen also. Aber sie sind noch nicht ganz verschwunden. Die Ausstellung «Der Rüebligraben» erklärt die Hintergründe. Und sie tut dies auf beiden Seiten der Grenze: Im Museum Schneggli in Reinach, aber auch im Schlossmuseum Beromünster.

(Regionaljournal Aargau Solothurn, 17:30 Uhr)