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Mobbing digitale Medien «Tragt Konflikte in der realen Welt aus»

Ein Mädchen bringt sich um in Spreitenbach – es heisst, es sei gemobbt worden. Die mutmassliche Mobberin droht einem anderen Mädchen das gleiche Schicksal an. Der Fall rüttelt auf. Die Polizei ermittelt. Und Mobbing-Expertin Ines Bodmer rät Jugendlichen, ihre Konflikte Face to Face auszutragen.

Schriftzug Cybermobbing und Zeichnungen dazu.
Legende: Visualisierung des Themas an einem Symposium gegen Cybermobbing in Berlin im September 2017. Keystone

Verspottet, ausgelacht, ausgestossen. Dass Kinder und Jugendliche auf dem Pausenplatz oder im Schulzimmer gemobbt werden, ist nicht neu. Doch wer früher in der Schule gemobbt wurde, konnte wenigstens zu Hause oder bei seinem Hobby wieder seine Ruhe haben. Im Zeitalter der sozialen Medien gibt es aber keine Räume mehr, die verschont bleiben. Via Handy, Tablet oder Computer nimmt ein Opfer Cybermobbing überall mit. Auch nach Hause, auch ins Kinderzimmer.

Kantonspolizei Solothurn: Kurse gegen Cybermobbing

Legende: Video Geschäftsmodell Cybermobbing abspielen. Laufzeit 4:14 Minuten.
Aus 10vor10 vom 21.10.2013.

Seit drei Jahren führt die Kantonspolizei Solothurn an den Schulen im Kanton Kurse durch, um Cybermobbing zu verhindern. Für Marcel Dubach, Chef der Jugendpolizei, ist die wichtigste Botschaft im Zusammenhang mit Cybermobbing: «Nacktfotos zu verschicken ist immer ein absolutes No Go.» Das gelte sowohl für Mädchen wie auch für Jungen, unabhängig vom Alter. Wenn solche Fotos in sozialen Netzwerken landen, könne sich eine Eigendynamik entwickeln, welche nicht mehr zu kontrollieren sei, sagt Dubach.

Cybermobbing ist an sich kein Straftatbestand. Wenn es zur Anzeige kommt, dann wegen übler Nachrede, Beschimpfung, Drohung oder ähnlicher Delikte. Dabei ist es strafrechtlich nicht erheblich, ob die Straftat auf dem Pausenplatz oder via soziale Medien geschehen ist. Allerdings: «Der emotionale Schaden, den ein Mädchen oder ein Junge als Mobbingopfer erleidet, ist unverhältnismässig grösser, als es die Strafe gegen den Täter im strafrechtlichen Sinne ist», sagt Marcel Dubach.

Kantonspolizei Aargau: «Cybermobbing nimmt zu»

Auch für die Kantonspolizei Aargau ist Cybermobbing ein Thema. Weil es aber den Straftatbestand «Cybermobbing» als solchen nicht gibt, habe man auch keine exakten Zahlen dazu, sagt Barbara Breitschmid, Mediensprecherin des Kantons Aargau. «Die Nutzung der sozialen Netzwerke nimmt zu, dies lässt darauf schliessen, dass auch Cybermobbing zunimmt.»

Mobbing-Expertin Ines Bodmer

Ines Bodmer ist Psychotherapeutin am Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte in Zürich. Daneben ist sie Expertin für Mobbing/Cybermobbing und Online-Sucht. Ihre Kenntnisse vermittelt sie u. a. in einem Kurs an der Fachhochschule Nordwestschweiz zu digitalen Medien.

SRF News: Wie fängt Cybermobbing eigentlich an?

Ines Bodmer: Es fängt ähnlich an wie traditionelles Mobbing, eigentlich ist es eine Fortsetzung des traditionellen Mobbings. Reines Cybermobbing gibt es eigentlich fast nicht. Das Traditionelle ist eben das Offlinemobbing, das aber jetzt auf den weit verbreiteten digitalen Medien fortgesetzt wird.

Gibt es denn ein typisches Opfer des Cybermobbings?

Das gibt es nicht wirklich. Häufig wird es an Äusserlichkeiten festgemacht. Aber man weiss auch, dass es eigentlich gar nicht um Äusserlichkeiten geht wie z. B. um Übergewicht oder um eine Brille. Zu meiner Zeit war es noch die Zahnspange. Man macht es an diesen Dingen fest, aber eigentlich ist das nicht wirklich relevant. Was man weiss, ist, dass ein Schulwechsel ein Risiko sein kann, wenn man neu in einen Verbund kommt, wo die Beziehungen schon existieren und wo man sich neue Freunde suchen muss. Nicht so gut vernetzt sein, nicht so viele Freunde haben, vielleicht etwas eigen sein, spezielle Interessen haben, das ist vielleicht ein gewisses Risiko.

Wie kann man sich denn vor Cybermobbing schützen?

Was ich immer mache, grundsätzlich in meinen Präventionsveranstaltungen, ist, dass ich den Jugendlichen, aber natürlich auch den Erwachsenen den Rat mit auf den Weg gebe: Tragt eure Konflikte Face to Face aus, tragt sie in der realen Welt aus und nicht in den digitalen Medien.

Was können die Eltern machen?

Sie können ein gutes Vorbild sein. Mobbing ist eine Form von Gewalt mit den neuen Medien. Selber einen gewaltfreien Umgang pflegen, selber einen gewaltfreien Erziehungsstil pflegen, für ein gutes Familienklima sorgen, wertschätzend sein, das ist enorm wichtig. Also nicht auf Entwertungen aus sein, nur konkrete Dinge kritisieren, aber nicht das ganze Kind entwerten.

Wenn Eltern einen Verdacht haben, wenn ihr Kind schon einmal ausgegrenzt worden ist auf dem Pausenplatz, dann müssen die Eltern daran denken, dass das weitergehen kann in den digitlalen Medien. Dort geschieht es dann im Verborgenenen und nicht auf einem Pausenplatz, wo eine aufmerksame Lehrperson noch etwas mitbekommt. Man muss auch beobachten, ob sich das Verhalten eines Kinder ändert. Dann muss man das Kind ansprechen darauf. Verdachtsmomente sind, wenn sich das Kind zurückzieht oder wenn es in der Schule mit den Leistungen abfällt.

Das Gespräch führte Ralph Heiniger

Suizid in Spreitenbach

«Du wirst genauso sterben wie Sabrina*». Diese Drohung äusserte eine Jugendliche aus dem Kanton Zürich via Instagram. Wie die Zeitung «Schweiz am Wochenende» berichtet, ermittelt nun die Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis gegen diese Jugendliche. Die in der Drohung erwähnte Sabrina* ist ein 13-jähriges Mädchen aus Spreitenbach im Kanton Aargau, welches sich im August – mutmasslich wegen Cybermobbings – das Leben genommen hat. (*Name geändert)

3 Kommentare

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  • Kommentar von Michael Frei (MFrei)
    (...) Mit der Möglichkeit jederzeit Bilder & Filme zu machen, kommt eine krasse Dimension dazu, gerade bei Teenagern die ihre Sexualität entdecken und Nacktbilder machen. Sind diese Dinge mal im Netz, verbreiten sie sich wie ein Lauffeuer. Dies bedeutet für die Mobbenden eine ungeheure Macht, die nicht nur zum Suizid des Opfers führen kann, sondern auch des Öfteren zur sexuellen Nötigung benutzt wird. Hier nützt keine dicke Haut sondern nur profesionelle Hilfe, Aufklärung & Strafverfolgung.
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  • Kommentar von Michael Frei (MFrei)
    Ob Worte Gewalt sind oder nicht, kommt auf die Worte an. So wie ein physischer Handschlag keine Gewalt ist, ein Schlag aber sehr wohl. Oft sind Worte verletzender als physische Gewalt. Kinder sollten wissen, dass sich nicht jede/r eine dicke Haut wie eine Jacke überziehen kann. Menschen sind unterschiedlich sensibel. Wenn sich das Ganze ins Cybermobing steigert, fühlen sich die Mobenden oft anonym und werden völlig ungehemmt. Man kennt dies ja aus bestimmten Forendiskussionen. (...)
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  • Kommentar von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
    Ich habe meinen Kindern beigebracht, dass Worte eben nur Worte und KEINE Gewalt sind. Wer nichtphysisches wie Worte als Gewalt bezeichnet macht das Ganze nur noch schlimmer und sich an solchen Tragödien meiner Ansicht nach mitschuldig. Man muss sich entsprechend wehren wenn’s zu weit geht aber die Grundregel ist nach wie vor «Dont feed the troll». Allein dies verhindert meist schon Weitergehendes. Eine dicke Haut hat noch nie geschadet und man lernt es besser früher als später oder gar nie.
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