Literatur aus dem Aargau «Mundart kann auch etwas Lokales transportieren»

«Nüüt und anders Züüg» ist das dritte Buch, das Andreas Neeser in Mundart geschrieben hat. Trotzdem weiss der Aargauer Autor nicht, wie er überhaupt zum Schreiben in Schweizerdeutsch gekommen ist, das sei einfach passiert. Im neuen Buch spielte vor allem seine Kindheit eine Rolle bei der Sprachwahl.

«Ich kann diese Frage ehrlich nicht beantworten», sagt Andreas Neeser auf die Frage, weshalb er begonnen hat Bücher und Geschichten in Mundart zu schreiben. «Es ist mir selber ein Rätsel, wie das gekommen ist. Ich hätte mir nie träumen lassen mit Mundart literarisch zu arbeiten.»

Eigene Sprache aber keine eigenen Erlebnisse

In Neesers drittem Mundartbuch «Nüüt und anders Züüg» finden sich Kurzgeschichten über das Leben und die Menschen in einem ländlichen Aargauer Tal mit vielen «Högern». Zwar wird nirgends ein Ort explizit genannt, jedoch ist klar, dass es um das Aargauer Ruedertal geht, wo Neeser auch aufgewachsen ist.

«Wenn man von etwas schreibt, muss man wissen, von was man spricht», betont Neeser gegenüber dem SRF-Regionaljournal. «Ich habe manche Jahre im Ruedertal gelebt, hier weiss ich, von was ich rede.» Und so erklärt sich auch, dass viele der 13 Kurzgeschichten aus der Erinnerung des Autors zu stammen scheinen: In Ich-Form geschrieben, Umgebung, Menschen und Handlungen knapp und doch fein beschrieben, es muss sich fast um Selbsterlebtes handeln. Irrtum.

Das Ruedertal: Ein düsterer Ort?

Das meiste sei frei erfunden, sagt Neeser, denn es gehe ihm überhaupt nicht darum ungefilterte Erinnerungsliteratur zu machen, weder inhaltlich noch sprachlich. «So etwas interessiert mich nicht.» Es gehe um das Atmosphärische, das Gefühl, das zu jener Zeit an diesem Ort geherrscht hat. «Für mich ist nur wichtig, dass die Figur glaubhaft ist, ob es sie wirklich gibt, das ist völlig egal für die Literatur. Die Geschichte muss funktionieren.»

Andreas Neeser

Bildlegende: Der Aargauer Autor Andreas Neeser ist im Ruedertal aufgewachsen, lebt nun aber schon lange in Suhr. Ayse Yavas

Das gelingt Neeser gut, zum Teil so gut, dass das beschriebene Ruedertal mehr als Un- denn als Sehnsuchtsort erscheint. Viele Protagonisten wollen weg, flüchten gar plötzlich Hals über Kopf aus dem «Emmental des Aargaus». Etwa Miggu, der Schienenleger, «und wenns ne zwickt, de lüpft er s Füdle [...]», und verduftet nach Amerika.

Neeser betont, er habe eine schöne, eine beschützte Kindheit gehabt im Ruedertal mit den «Högern», die einen ermutigen mit geradem Rücken zu gehen, damit man über die Hügel hinwegsieht. Und es gebe in seinem Buch auch Geschichten von Leuten, die gerne dort bleiben. Er selber sei halt wegen Schule und Ausbildung weg aus dem Ruedertal.

Kaum Reichweite und trotzdem wertvoll

In einer Kritik zu Neesers Mundartbuch heisst es, Neesers Geschcihten seien nicht einfach Mundartliteratur wie man sie kennt, sondern Literatur auf Mundart – gleichzeitig Oral History und anspruchsvolle Literatur.» Allerdings ist ja die Reichweite eines Buches mit Mundartgeschichten sehr begrenzt. Ausserhalb der Dialektregion wird es kaum gelesen oder verkauft.

Gefragt, ob ihn das als Autor nicht wurmt, dass solche Geschichten nur ein so kleines Publikum findet, sagt Andreas Neeser: «Für mich als Autor ist es schön, dass diese Bücher überhaupt herauskommen, das ist nicht selbstverständlich.» Und das grosse Geld mache man mit der Literatur sowieso nicht.

Der Reiz an der Mundartliteratur sei vielmehr, dass sie anders als das Hochdeutsche, unsere gewohnte Schrift- und Literatursprache, auch eine lokale Dimension transportieren könne. «Das finde ich einen unglaublichen Gewinn, dass man dadurch die regionale Vielfalt unserer Mundart so richtig zur Kenntnis nimmt.»

Keine Heimatschutzliteratur

Andreas Neeser arbeitet zwar gerne mit der Mundart, dem Ruedertaler Dialekt aus den 70er Jahren, der sehr bäuerlich geprägt ist. Dennoch möchte er keineswegs Sprachkonservierung betreiben. «Sprache ist etwas Lebendiges», sagt der Aargauer Autor. Es sei klar, dass wir heute nicht mehr gleich reden wie damals, die Gesellschaft habe sich ja verändert.

Er wolle keineswegs, dass seine Geschichten nach verklärter Heimatliteratur klingen, auch wenn er sich des Risikos bewusst ist: «Es ist tatsächlich schon eine Gefahr, dass wenn man wieder mit seinem Kindheitsvokabular konfrontiert wird, auch eine gewisse Freude entwickelt und so vieles wie möglich verbraten möchte.» Dann allerdings tappe man in die Falle, dass man alleine übers Vokabular Effekte erzielen wolle, das habe dann aber nichts mehr mit Literatur zu tun.