Entwicklung der Bevölkerung Obersiggenthal gewinnt junge Familien: Ein Rezept für andere?

Immer weniger Junge, immer mehr Alte – nach den Statistiken verläuft die demografische Entwicklung der Bevölkerung so. Aber es gibt Ausnahmen. In Obersiggenthal bei Baden ist es genau umgekehrt. Die Zahl der Einwohner im Alter von null bis sechs Jahren explodiert. Und die Zahl der Alten sinkt.

Visualisierung der Tagesstrukturen Goldiland in Obersiggenthal

Bildlegende: Visualisierung des Goldilands (Architekten Meier, Leder, Baden). Unterdessen stehen die Tagesstrukturen. zvg/Meier Leder Architekten Baden

Eine Bevölkerungsexplosion bei den Allerkleinsten – das erlebt nicht jede Gemeinde im Aargau. In Obersiggenthal ist sie aber Tatsache. Betrug der Anteil der 0- bis 6-Jährigen an der gesamten Bevölkerung des Dorfes im Jahr 2012 noch 3 Prozent, liegt er heute bei 7.7 Prozent.

Für diese aussergewöhnliche Entwicklung hat Gemeinderat Walter Vega, zuständig u. a. für die Ressorts familienexterne Betreuung und Alter, mehrere Erklärungen. Obersiggenthal sei zentral gelegen und es sei viel gebaut worden in den letzten Jahren.

Bevölkerung in Obersiggenthal


2012
2013201420152016
0–6 Jahre
263380486569666
65+20061924186117991723
Gesamtbevölkerung
84748620866786098660

Aber diese Standortfaktoren treffen auch auf andere Gemeinden zu. Deshalb verweist Walter Vega auf die Strategie des Gemeinderates Obersiggenthal: «Wir wollen eine lebendige Familie sein. Dazu brauchen wir Familien.» Und das Stimmvolk sagte 2012 Ja zu dieser Strategie. Es bewilligte Geld für das Projekt «Goldiland».

Junge Familien ziehen nach Obersiggenthal

Das Projekt Goldiland hat geholfen, ist man hier überzeugt. Die Gemeinde schuf damit Betreuungsstrukturen für Vorschul- und Schulkinder unter einem Dach. Schon vorher gab es solche Strukturen. Sie waren aber über das Dorf verstreut.

Das neue Konzept zahle sich nun aus, ist Walter Vega überzeugt: «Es gibt Leute, die bei der Gemeinde fragen, was es für ein Angebot gebe. Und wenn sie sehen, dass etwas da ist, dann kommen sie gern in so eine Gemeinde.»

Obersiggenthal hat aber nicht nur ein gutes Betreuungsangebot für die ganz Jungen, sondern auch für die Alten. Es gibt natürlich die Spitex. Und die Gemeinde betreibt mit dem «Gässliacker» ein weit über das Dorf hinaus bekanntes Alterswohnzentrum.

Voraussetzungen für junge Familien

Eine Umfrage des Kantons im Aargau zeigt: Es müssen diverse Faktoren erfüllt sein, damit junge Familien in eine Gemeinde ziehen. «Junge Familien schauen wirklich auf die Angebote der familienergänzenden Kinderbetreuung, das ist auch wichtig für gutverdienende Eltern», weiss Margrit Schärer, Leitern der Fachstelle Familie und Gleichstellung des Aargaus. Das alleine reiche aber nicht. Es brauche auch Arbeitsplätze und bezahlbarer Wohnraum, sagt Schärer gegenüber SRF weiter.

Überdurchschnittliche Sterberate

Den Seniorinnen und Senioren geht es also gut in Obersiggenthal. Trotzdem hat die Zahl der Über-65-Jährigen in den Jahren von 2012 bis 2016 deutlich abgenommen, von 2000 auf 1700. Diese Zahl steht im Gegensatz zur allgemeinen demografischen Entwicklung. Diese zeigt, dass die Zahl der Seniorinnen allgemein steigt, vor allem im Segment der über 80-Jährigen.

Warum der deutliche Rückgang in Obersiggenthal? Gemeinderat Walter Vega hat auch hier eine Erklärung. Seine Gemeinde habe seit langen überdurchschnittlich viele ältere Einwohnerinnen. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung über 20 Prozent. Der kantonale Durchschnitt liege bei 16 Prozent.

Die logische Folge des Anteils sehr alter Menschen in der Gemeinden: viele Leute sterben. «Wir haben eine relativ hohe Zahl von Todesfällen in der Gemeinde. Von den älteren Einwohnern sterben pro Jahr 55 bis 60. Nur so kann ich mir die Abnahme der älteren Bevölkerung erklären», so Walter Vega gegenüber SRF.

Obersiggenthal

Die Gemeinde Obersiggenthal besteht aus den Ortsteilen Rieden, Nussbaumen und Obersiggenthal. Das Dorf hat rund 8600 Einwohnerinnen und Einwohner. Finanziell hat die Gemeinde zu kämpfen. Die Ausgaben für Schulbauten sind hoch. Und 11 Steuerprozente muss die Gemeinde aufwenden für die Pflege- und Sozialkosten der über 65-Jährigen.