Rainer Huber: «Ich habe die Abwahl nie als Denkzettel empfunden»

Die Fische in seinem Teich haben Zeit, drehen Runde um Runde. Und Rainer Huber hat Zeit sie dabei zu beobachten. Nach seiner Abwahl als Bildungsdirektor als Folge der (zu) grossen «Kleeblatt»-Schulreform ist es ruhig geworden um den früher so streitbaren Politiker.

Herbst 2008, Aula der Schule Berikon, ein Podium zum «Bildungskleeblatt» ist angesagt. Bildungsdirektor Rainer Huber (CVP) kämpft für seine Positionen. Jedes Detail der Reform kennt er. Engagiert stellt der Regierungsrat die vier Teilprojekte vor und beschwört die Anwesenden, die richtigen Weichen zur Reform der Aargauer Schule zu stellen. Rainer Huber spricht in seinen Referaten – pädagogisch korrekt – nur Hochdeutsch.

«  Heute reden bei Bildungsthemen zu viele mit, die keine Ahnung haben. »

Rainer Huber
Pensionär

Doch ebenso engagiert ist die Kritik an seinem Vorhaben. Bildungsferne Bürokraten in Aarau stünden dahinter, die keine Ahnung hätten vom realen Schulalltag. Viel zu viel auf einmal solle geändert werden. Die Schule, insbesondere die Lehrerschaft, sei schon längst reformmüde. Solche Vorwürfe prasselten auf die breiten Schultern des Regierungsrates, aktiven Sportlers und ehemaligen Sportlehrers nieder.

Abwahl und Reform-Nein

Die Stimmung im Saal in Berikon ist aufgeheizt. Und aufgeheizt ist auch die Stimmung in der Bevölkerung. Die Reform gibt viel zu reden. Die Stimmung kippt beim «Bildungskleeblatt» Richtung Nein. Zuerst aber steht die Erneuerungswahl der Regierung an. Rainer Huber muss im Februar 2009 in den zweiten Wahlgang. Was er geahnt hat, tritt ein: Er wird abgewählt.

Sein Nachfolger wird Alex Hürzeler von der SVP. Es ist die Partei, die das «Bildungskleeblatt» vehement bekämpft hat. Hürzeler hat die paradoxe Aufgabe, Hubers Bildungsreform vor dem Volk zu vertreten, denn es handelt sich um eine Regierungsvorlage. Im Mai 2009 ist die Volksabstimmung. Das Reformprojekt fällt durch. Die Stimmenden lehnen alle Teilvorlagen mit teilweise wuchtigen Nein-Mehrheiten ab.

Rainer Huber ist abgewählt, seine Bildungsreform gescheitert. Nach aussen nimmt er die Niederlage sportlich. Aber ein gewisser Frust ist da. Diesen strampelt sich der begeisterte Velofahrer auf ein paar tausend Kilometern im Sattel ab.

Zeit für die Fische

Das erfährt der Schreibende aber erst sieben Jahre später bei einem Gespräch mit Rainer Huber. Er hat hier für sich und seine Lebenspartnerin in Gontenschwil ein Haus gebaut. 180 Quadratmeter Wohnfläche, sehr viel Umschwung. Anziehungspunkt im Garten ist ein Teich mit den seltenen japanischen Kois. In diesem gut gepflegten Paradies geniesst Rainer Huber auch die Gesellschaft seiner Kinder und Enkelkinder.

Rainer Huber vor seinem Haus in Gontenschwil.

Bildlegende: Der ehemalige Aargauer Bildungsdirektor Rainer Huber lebt heute in Gontenschwil. Er geniesst seinen grossen Garten. Stefan Ulrich/SRF

Hündin Chica begrüsst den Besucher. Rainer Huber bittet zum Gespräch auf seiner Terrasse. Seine Lebenspartnerin serviert Kaffee und Gipfeli. Rainer Huber beweist wieder einmal seine grosse Dossierkenntnis, die ihn schon als Bildungsdirektor auszeichnete. Die Unterkante seines Küchenfensters befinde sich exakt auf 600 Metern über Meer, erklärt Huber. In der Tat: Die Aussicht über das Wynental ist grandios. Und wären da nicht ein paar Schönwetterwolken, würde man von seinem Garten aus die Innerschweizer Alpen sehen.

Rainer Huber ist ruhiger geworden. Man begegnet nicht mehr dem energiegeladenen Bildungs-Turbo sondern einem abgeklärten Pensionär, der nebenbei ab und zu Mandate als Unternehmensberater annimmt. Die Gesellschaft mitgestalten, das möchte er zwar auch heute noch. Aber die Politik vermisst er nicht. «Es gibt nur noch zwei wichtige Punkte für die Politiker: Den Wähleranteil und einen tiefen Steuerfuss.» Die Gesamtsicht fehle, das Denken für das Allgemeinwohl gehe vergessen..

Festhalten am grossen Wurf

War er selber anders? «Ich war immer mich selber, ich war ehrlich.» Und das, so Rainer Huber, sei auch der Grund gewesen für seine Abwahl und das Scheitern des Bildungskleeblattes. «Hätten wir weiterhin von der Bezirksschule gesprochen, hätten wir von Kindergarten gesprochen anstatt von Basisstufe, dann wären wir wohl durchgekommen», sagt Huber.

«  Die Sache selber, das Bildungskleeblatt, war super. »

Rainer Huber
ehem. Bildungsdirektor Kt. AG

Die Reform sei richtig gewesen, unterstreicht der ehemalige Bildungsdirektor. Auch heute würde er wieder den grossen Wurf anstreben und nicht die Politik der kleinen Schritte. Das sage er als Unternehmensberater auch seinen Kunden. Wenn man von einer Sache überzeugt sei, müsse man sich voll und ganz dahinterstellen und nicht aus populistischen Gründen Abstriche machen.

Reform «Bildungskleeblatt»

Die Reform hatte vier Teile:

  • Basisstufe (Verschmelzung von Kindergarten mit 1./2. Klasse)
  • Oberstufe unter einem Dach (Verschmelzung von Bez, Sek, Real; System 6/3)
  • Tagesstrukturen (Mittagstische, Randstundenbetreuung, Aufgabenhilfe)
  • Sozialindex (Problem-Schulen erhalten mehr Mittel)

Das Stimmvolk lehnte die Reform im Mai 2009 ab.