Rudolf-Steiner-Schule Aargau lässt tief blicken und zieht Bilanz

Im Jahr 2014 hagelte es happige Vorwürfe an die Adresse der Rudolf-Steiner-Schule in Schafisheim, weil eine Lehrerin einen Schüler zu hart angepackt haben soll. Die Staatsanwaltschaft hat den Fall jetzt eingestellt. Nun spricht der Schulpräsident über den Fall und gibt einen Einblick in die Schule.

Louis Bohren ist elfjährig und sitzt an einem kleinen Pult in einem Schulzimmer in Schafisheim. Er malt einen Kreis und macht daraus ein Rechteck. «Ist das gut so?», fragt er den Klassenlehrer Joseph Hess. «Ja, sehr schön gemacht», reagiert dieser. Ob Louis für diese Zeichnung als Note eine 6 oder eine 1 bekommen würde, weiss er nicht. Denn Louis ist Schüler der Rudolf-Steiner-Schule in Schafisheim.

Klischees zu Hauf

«Die Kinder werden noch genug früh in Kontakt gebracht mit diesem Thema», meint Joseph Hess. Er ist 59 Jahre alt, und bereits seit über 30 Jahren Klassenlehrer in Schafisheim. Er befürwortet dieses System und räumt mit mehrern Klischees auf, die es über die Rudolf-Steiner-Schule gibt.

Wer eine Prüfung schreiben muss, der kann sich nicht einfach drücken, erklärt Hess. Auch das Klischee, dass die Eltern dieser Kinder vor allem Künstler, Psychiater und Linke sind, kann er nicht unterschreiben. «Wir haben Kinder aus allen Schichten.»

Positive Stimmen am Tag der offenen Tür

Auch fehlt einem Kind nichts, wenn es die Rudolf-Steiner-Schule beendet hat. «Anschliessend kann es auf eine weiterführende Schule, eine sogenannte Atelier-Schule», erklärt Schulpräsident Lucio Carlucci. Dort könne man auch eine Matur machen, die eidgenössisch anerkannt ist.

«Mir gefällt dieses Schulmodell sehr gut, diese Art zu Unterrichten und beispielsweise geometrische Formen in der 5. Klasse ohne Lineal und Zirkel zu zeichnen, das ist spannend», erklärt Yolanda Richner. Sie besucht am Tag der offenen Tür vom Dienstag die Schule und überlegt sich, ihren Sohn dort einzuschulen.

Viel Arbeit für die Eltern

Andrea Russo hat ihre Tochter seit zwei Jahren hier in der Schule. «Rahel ist seither sehr ausgeglichen und kommt immer sehr zufrieden aus der Schule zurück», erklärt die Ammerswilerin. Dass man als Eltern von Rudolf-Steiner-Schüler viel mithelfen muss, stört sie nicht.

Neben vier Elternabenden gibt es pro Jahr mehrere Festaktivitäten. Und: «Mehrmals im Jahr müssen alle Eltern beim Putzen im Schulhaus und beim Kochen am Mittag helfen», erzählt sie. Das tue sie aber gerne, meint Andrea Russo.

Vorwürfe im 2014 hatten Folgen

Die Rudolf-Steiner-Schule ist auch froh, dass die Geschichte mit den Vorwürfen einer Mutter vom Tisch ist. Diese hatte den Medien erklärt, dass ihr Sohn von einer Lehrerin so hart angefasst wurde, dass dieser blaue Flecken davon trug.

«Diese Geschichte hat uns richtig durchgeschüttelt», erklärt Lucio Carlucci. Die Staatsanwaltschaft hat den Fall mittlerweile eingestellt, es gebe keine vorsätzliche Tätlichkeit. Wegen diesem Fall hat die Schule aber weniger neue Schüler erhalten als sonst.

Dennoch will der Schulpräsident der Steinerschule Schafisheim nach vorne blicken und sagt auch: «Wir haben durch diesen Fall auch alles hinterfragt und gemerkt, dass wir einige Dinge ändern müssen.»