Ruth Jo Scheier: «Wichtig ist, dass man den Gesamtüberblick hat»

Sie ist als Bauerntochter aufgewachsen. Als Bauernopfer geht sie für die GLP Aargau in die Wahl für den Regierungsrat. Die Buchhalterin weiss, dass ihre Chancen verschwindend gering sind. Aber immerhin: Sie kann Werbung machen für die GLP. Diese steht aber nicht geschlossen hinter ihr.

Die GLP Aargau gab beim Nominationsverfahren für Ruth Jo Scheier ein eigenartiges Bild ab. Nein, man kandidiere nicht für den Regierungsrat. So hiess es, solange noch nicht klar war, ob die Grüne Regierungsrätin Susanne Hochuli noch einmal antreten würde oder nicht.

«  Als sich niemand für eine Kandidatur zur Verfügung stellen wollte, entschied ich mich, ins kalte Wasser zu springen. »

Ruth Jo Scheier
Regierungskandiatin GLP

Als Hochuli dann bekannt gab, dass sie nicht mehr antritt, sagte die GLP, sie «prüfe» eine Kandidatur. Diese Prüfung ergab, dass von den Topkandidaten niemand antreten wollte. Deshalb gab die GLP bekannt, dass sie von einer Kandidatur absehe. Doch noch am Tag, als sich diese Nachricht verbreitete, teilte die Parteileitung überraschend mit: Doch, man habe eine Kandidatin, es sei Ruth Jo Scheier.

Murren in der GLP

Noch am Abend des gleichen Tages wurde Ruth Jo Scheier von der Mitgliederversammlung nominiert. Die Medien waren von dieser Versammlung ausgeschlossen. Es waren aber Stimmen zu hören, die das Nominationsprozedere kritisierten.

In den Medien liessen GLP-Exponenten verlauten, sie seien unglücklich über die Kandidatur. Diese sei so oder so chancenlos. Ruth Jo Scheier ist realistisch genug, um ihre Chancen als verschwindend klein einzustufen. Sie stellt nicht in Abrede, dass ihre Kandidatur der GLP zu mehr Beachtung im Wahlkampf für den Grossen Rat verhelfen soll.

Nur: Wahlen in den Regierungsrat gelten als Persönlichkeitswahlen und weniger als Parteiwahlen. Sie sind die falsche Plattform, um Parteiprogramme herabzubeten. Mitglieder eine Kantonsregierung brauchen Führungserfahrung, heisst es gemeinhin. «Ich war schon in verschiedenen Vereinsvorständen tätig. Dort lernte ich, Menschen zu führen. Das läuft über Motivation», sagt Scheier dazu.

Wenig Spuren im Grossen Rat

Ruth Jo Scheier ist seit 2009 im Grossen Rat des Aargaus. In ihrer über sechsjährigen Amtszeit hat sie nur zwei Vorstösse eingereicht. Der letzte datiert aus dem Jahr 2015. Darin verlangte die GLP-Grossrätin eine Erhöhung der Revisionsdichte bei den juristischen Personen. Ihr Ziel: Mehr Planungsicherheit für Unternehmen und gleichzeitig höhere Steuereinnahmen.

Vom Regierungsrat musste sich Ruth Jo Scheier belehren lassen, dass sie mit ihrem Vorstoss offene Türen einrenne. Man habe bereits in diese Richtung Massnahmen ergriffen. Scheier zog ihre Motion dann zurück.

Dann muss man bis Anfang 2012 zurückblenden, um die Grossrätin Ruth Jo Scheier wieder fassbar zu machen. Sie reichte damals einen Vorstoss ein und verlangte, dass die Regierung bei der familienergänzenden Kinderbetreuung nicht klein beigebe. Die Mehrheit des Grossen Rates hatte zuvor nämlich eine Kinderbetreuungs-Vorlage versenkt.

«  Bei mir steht immer die Sache im Zentrum. »

Ruth Jo Scheier
Grossrätin, GLP

Die Regierung blieb tatsächlich am Ball. 2016 brachte sie beim Volk ein Rahmengesetz zur Kinderbetreuung durch. Der Name Scheier wird mit dieser Vorlage aber nicht verknüpft; er gilt als Erfolg der CVP.

Im Gespräch mit Radio SRF sagt die Grünliberale, falls sie in die Aargauer Regierung gewählt werde, dann würde sie sich gerne der Problematik der explodierenden Kosten im Gesundheitswesen annehmen. «Dieses Thema beschäftigt mich schon länger.» Eine pfannenfertige Lösung kann Ruth Jo Scheier nicht liefern. «Ich bin aber überzeugt, dass es in diesem komplexen System einzelne Stellschrauben gibt, die man nivellieren könnte.»

Wenig Rückhalt in der eigenen Partei, wenig politisches Rüstzeug, wenig politische Aktivität im Grossen Rat, wenig Führungserfahrung: Ruth Jo Scheier hat bei der Regierungsratswahl vom 23. Oktober keine Chance. Es kann für sie eigentlich nur darum gehen, wenigstens einen Achtungserfolg zu erzielen.

Wahl-Interview auf dem Regierungsrat-Sessel

Sehen Sie hier das Interview mit Ruth Jo Scheier auf dem Regierungsrat-Sessel im Grossratsgebäude. Sie fühle sich "sehr wohl" auf diesem Stuhl, sagt die GLP-Kandidatin:

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«Das Finanzdefizit ist ein grosses Problem»

1:27 min, vom 22.9.2016

Zur Person

Ruth Scheier ist 40 Jahre alt und hat eine Tochter. Sie hat eine KV-Lehre gemacht und ist heute kaufmännische Leiterin einer Firma für Agrartechnik. Scheier ist im Einwohnerrat Wettingen und seit sieben Jahren im Grossen Rat. Aktuell ist sie Mitglied der Kommission Volkswirtschaft und Abgaben. Ihre Hobbies sind u. a. Billard, Lesen und Jassen.

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