Schock für die Familie: Eine «Teenager-Flucht» in die Türkei

Ein 15-jähriges Mädchen aus dem Kanton Aargau ist allein in die Türkei gereist, auf der Suche nach ihrer grossen Liebe. Für die Eltern ist die Reise ein Schock. Für Behörden und Experten gilt sie als ausserordentlicher Fall. Allerdings: Teenager reissen häufig aus.

Jugendliche hält Smartphone mit Instagram-App in der Hand

Bildlegende: Der Kontakt zur grossen Liebe in der Türkei kam über das soziale Netzwerk Instagram zustande. Keystone

Die 15-jährige Lea (Name geändert) lebt in einem Dorf im Kanton Aargau. Die Sekundarschülerin gilt als vernünftig, hütet öfter ihre jüngeren Geschwister, treibt Sport und ist kulturell aktiv. Doch im Frühjahr 2015 tut sie das Undenkbare: Sie verschwindet von einem Tag auf den anderen spurlos.

Der Schock bei den Eltern sitzt tief. Die Ermittlungen der Polizei führen aber schnell zu einem Ergebnis: Lea hat sich in die Türkei abgesetzt. Noch bevor die Behörden eingreifen können, sitzt das Mädchen bereits in einem Bus von Istanbul in die türkische Hafenstadt Mersin.

Auf dem Weg nach Syrien?

Flugzeug der Turkish Airlines am Flughafen von Istanbul

Bildlegende: Am Flughafen in Istanbul ist das 15-jährige Mädchen gelandet, bevor es weiter nach Mersin reiste. Keystone (Symbolbild Archiv)

Die Stadt liegt am Weg nach Syrien. Die Angst von Eltern und Behörden ist deshalb gross: Wurde Lea Opfer eines IS-Terroristen? Diese werben über das Internet Mädchen an. Doch Lea passt nicht ins Profil: Sie hat keine muslimischen Wurzeln, sie ist Schweizerin.

Schnell stellt sich heraus: Es ist eine Liebesgeschichte. Im sozialen Netzwerk Instagram hatte Lea einen jungen Mann kennen und lieben gelernt. Dieser Türke lockte das Mädchen in sein Land.

Die Flucht zu ihrer Liebe war minutiös geplant: Lea hatte ihr Konto geräumt und in einem Reisebüro ein One-Way-Ticket nach Istanbul gelöst. Dieses hatte sie dank einer unvorsichtigen Verkäuferin und einer gefälschten Vollmacht ihrer Mutter problemlos erhalten.

Ein aussergewöhnlicher Fall

Die Eltern von Lea haben ihre Geschichte gegenüber SRF geschildert. Es ist ein ungewöhnlicher Fall. «Wir haben wahrscheinlich wöchentlich mit ausgerissenen Teenagern zu tun», sagt Bernhard Graser von der Aargauer Kantonspolizei. «Allerdings: Eine Flucht ins Ausland, das ist zum Glück sehr selten. Meistens kommen die Teenager selber wieder zurück, nach einem oder zwei Tagen.»

Portrait Jürg Unger

Bildlegende: Jugendpsychiater Jürg Unger: «Wenn Jugendliche ausreissen, dann ist das eine Sturmwarnung.» zvg/Palma Fiacco

Diese Einschätzung teilt auch Jürg Unger, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kanton Aargau. Aus psychologischer Sicht allerdings sei das Ziel einer Teenager-Flucht gar nicht relevant. «Wenn ein Teenager ausreisst, dann ist das eine Sturmwarnung.» Die Ursache dafür sei ein Kommunikationsproblem, so der Psychiater. «Das Kind sieht keine Möglichkeit mehr, seine Probleme im Gespräch mit den Eltern zu lösen.»

Ursachen dafür gebe es wiederum viele: «Es gibt Kinder, die Mühe haben mit der Kommunikation. Zum Beispiel Autisten. Auf der anderen Seite gibt es Eltern, die zum Beispiel alkoholkrank sind und sich nicht um ihre Kinder kümmern. Und natürlich gibt es ganz viel dazwischen.» In gewissen Situationen sehen Jugendliche dann keinen anderen Ausweg als die Flucht, so Unger.

Neuanfang in der Schweiz

Lea ist inzwischen wieder zurück in der Schweiz. Ihre Mutter hatte sie in Mersin abgeholt, nachdem türkische Polizisten das Mädchen aufgespürt hatten. Der Neustart in der Heimat ist allerdings schwierig: Lea musste schliesslich ihre grosse Liebe in der Türkei zurücklassen, hatte damit am Anfang grosse Mühe.

«Oft kommen die Jugendlichen selber zurück und sind dann froh, wenn sie mit offenen Armen empfangen werden», erklärt Jugendpsychiater Jürg Unger. «In diesem Fall aber hat das Mädchen erst gerade ihr Ziel erreicht, es wollte wohl noch gar nicht zurück in die Realität.»

So oder so sei zentral, dass man ausgerissene Jugendliche und ihre Eltern professionell betreue. «Eine psychologische Beratung ist zwingend», so Unger. «Eltern und Kinder müssen lernen, Probleme gemeinsam zu lösen.»

Die Rolle der Eltern

Generell rät Unger den Eltern von Teenagern: «Wir müssen immer hören, sehen und fühlen, was die Jugendlichen bewegt. Und dann müssen wir mit ihnen darüber sprechen, Lösungen finden.» Dazu gehöre durchaus auch das Aushandeln von Regeln, stellt Unger klar.

Anzeichen für eine bevorstehende Flucht gebe es schon, erklärt Unger weiter. «Wenn Kinder und Jugendliche sich nicht mehr an abgemachte Zeiten halten, zum Beispiel über die Nacht wegbleiben. Oder aber wenn sie sich zurückziehen und sich abwenden.»

Treffen könne es nicht nur Familien mit schweren psychischen oder sozialen Problemen, sondern auch «unauffällige» Familien. «Manchmal sind es viele kleine Probleme, die sich wie Mosaiksteine zu einem grossen Ganzen zusammenfügen», so der Psychiater.