Seelsorge am und hinterm Tresen

Wenn Corinne Dobler in Bars, Restaurants und Beizen unterwegs ist, dann nicht zum privaten Vergnügen: Die reformierte Pfarrerin ist Gastroseelsorgerin im Kanton Aargau und kümmert sich um Köche, Wirtinnen und Servicepersonal.

Deborah Sutter und Markus Horat

Bildlegende: Corinne Dobler und Wirt Markus Horat vor dem Jägerstübli in Villmergen. DEBORAH SUTTER/SRF

«Seelsorge bedeutet für mich nicht, tiefgründige Gespräche zu führen, bei denen man jemanden zu einem bestimmten Ziel führen will», sagt die reformierte Pfarrerin Corinne Dobler.

Bevor sie mit ihrer Arbeit als Gastroseelsorgerin begonnen hatte, war das ihr Verständnis von Seelsorge ein anderes: «Ich hatte von der Uni her einen eher verkopften Begriff davon. Heute merke ich mehr und mehr: Seelsorge ist, wenn ich jemandem den Raum gebe, einfach sich selber zu sein. So dass er oder sie sagen kann, was gerade zuvorderst ist. Oder auch mal gar nicht zu reden und bloss ein Bier zu trinken.»

Aargau hält als einziger Kanton an diesem Konzept fest

Die Küche eines Restaurants

Bildlegende: Seelsorge am und hinterm Tresen: Im Kanton Aargau ist das seit 30 Jahres ein bewährtes Konzept. Keystone

Corinne Dobler kümmert sich im Kanton Aargau um die Wirtinnen und Wirte, die Serviceangestellten, die Köchinnen und Köche. «Im Aargau gibt es dieses Angebot seit knapp 30 Jahren – wir sind auch der einzige Kanton, der noch an diesem Konzept festhält», so Dobler.

Überall sonst sind die ehemaligen Gastroseelsorge-Stellen anderen Spezialseelsorgen gewichen – etwa dem Flughafenpfarramt im Kanton Zürich. «Doch der Kanton Aargau ist noch ein richtiger Beizen-Kanton, es gibt hier noch viele traditionelle Wirte», sagt die 38-Jährige. Ursprünglich ins Leben gerufen wurde diese Form von Seelsorge, weil Gastro-Mitarbeitende sonntags arbeiten – und nicht zur Kirche können.

Wirte sind selber oft Seelsorger – und darum auch froh um ein Ohr

«Aber auch heute, wo sich in diesem Bereich vieles verändert hat, hat sich diese Struktur bewährt: Die Leute kommen nicht zu mir, sondern ich gehe zu ihnen.» So komme sie immer wieder mit Menschen in Kontakt, die keinen Fuss in die Kirche setzten, sich aber ungeheuer über Besuche der Pfarrerin freuen.

«Wir sprechen über alles Mögliche, Familie, Betrieb, Gesundheit», so Corinne Dobler. Oftmals seien die Wirtinnen oder Kellner selbst so etwas wie Seelsorger. Gerade Stammgäste werden ihre Sorgen nicht selten am Tresen los. Corinne Dobler: «Ich höre immer wieder: Es tue gut zu wissen, dass man als Wirt mit den teils belastenden Geschichten nicht alleine sei. Dass man sie selber auch wieder loswerden könne.»