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Solothurner Geschichte «Der Niedergang der Grossindustrie hat Solothurn geprägt»

Band 5 der Geschichte des Kantons Solothurn feierte diese Woche Vernissage. 17 Autoren haben recherchiert und zeigen auf über 1000 Seiten in Text und Bild, wie tiefgreifend das 20. Jahrhundert den Kanton Solothurn verändert hat. Dabei werden etwa die Bereiche Landschaft und Bevölkerung, Gesellschaft, Politik und Staat oder Kirche und Religion beleuchtet. Projektleiter André Schluchter sagt, das Werk solle einen Überblick bieten.

André Schluchter, Projektleiter Solothurnische Kantonsgeschichte

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André Schluchter
Legende:SRF

André Schluchter wurde 1951 in Olten geboren, nach der Matura in Solothurn studierte er in Basel Geschichte, wo er promovierte. Danach war er im Kanton Solothurn und im Aargau als Lehrer tätig. Seit 1992 ist er wissenschaftlicher Berater und Redaktor des Kantons Solothurn für das Historische Lexikon der Schweiz, zudem ist er Projektleiter der Solothurnischen Kantonsgeschichte.

SRF: André Schluchter, an wen richtet sich der neue Band der Geschichte des Kantons Solothurn?

André Schluchter: Wir hoffen, dass die Leserschaft aus älteren und aus jüngeren Leuten besteht. Wir hoffen auf ein möglichst breites Publikum, denn wir haben uns Mühe gegeben, den Band in einer möglichst verständlichen Sprache zu verfassen.

Sie haben ja fast die Hälfte des letzten Jahrhunderts selbst miterlebt. Deckt sich das Buch mit ihren Erinnerungen?

Interessanterweise nur zum Teil. Man hat damals aus dem Radio oder aus der Zeitung erfahren wie zum Beispiel gewisse Skandale die Regierung erschüttert haben, dasselbe gilt auch für den Niedergang der Grossindustrie. Interessant ist, dass die persönliche Wahrnehmung von damals und das was wir nun aus der Distanz geschrieben haben, zwei ganz verschiedene Dinge sind. Ich habe einen Teil selbst bewusst erlebt, aber das ganze Ausmass wird mir erst jetzt deutlich.

Grosse Rolle Papier in einer Fabrik.
Legende: Industrieunternehmen wie die Papierfabrik Biberist waren einst ein Garant für Arbeitsplätze im Kanton Solothurn. Keystone

Gibt es etwas im neuen Band über die Solothurner Geschichte, das sie überrascht hat?

Was ich kaum gekannt habe, ist die ehemalige Geschlossenheit des katholischen Milieus. Das war eine eigene Welt, auch als Abwehr gegen die Dominanz des Freisinns. Doch das katholische Milieu ist im Verlauf der Nachkriegszeit massiv erodiert. Das ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden.

Was hat den Kanton Solothurn in den letzten 100 Jahren am meisten geprägt?

Das ist in der Politik die Dreiheit der Parteien. Mit der Dominanz des Freisinns, rivalisierend mit den katholisch Konservativen und der SP. Im Solothurner Kantonsparlament zog erst im Jahr 1985 definitiv eine vierte politische Kraft ein. Da unterscheidet sich der Kanton Solothurn von anderen Kantonen.

Der Niedergang der Grossindustrie hinterliess dem Kanton Solothurn eine Hypothek.

In der Wirtschaft ist es der Niedergang der Grossindustrie seit den 70er Jahren, welche den Kanton am meisten geprägt hat. Dieser Niedergang hinterliess eine Hypothek, die bedeutete, dass sich der Kanton neu orientieren muss. Doch diese Neuorientierung ist für den Kanton sehr schwierig, denn er ist jetzt nicht mehr ein wohlhabender Kanton, er ist abgerutscht in die zweite Hälfte der nichtwohlhabenden Kantone.

War das letzte Jahrhundert für den Kanton Solothurn eine Verlustgeschichte?

Nein, das war es nicht. Natürlich hat man die Grossindustrie verloren, aber es wird in unserem Buch auch beschrieben, wie man versucht hat, das Potential, welches man früher in der Uhrenindustrie hatte, in die Medizinaltechnik zu übertragen.

Das Gespräch führt Andreas Brandt