Trotz Erfolg: Weniger Hilfe für dicke Kinder in Aarau

In den letzten fünf Jahren konnten 80 stark übergewichtige Kinder von der Gruppentherapie «Keep on moving» in Aarau profitieren. Jetzt wird das Projekt trotz des Erfolgs eingestellt: Die Krankenkassen zahlen zu wenig daran. Fachleute warnen nun, die Einstellung verursache langfristig höhere Kosten.

«Unsere Tochter ist 14 Jahre alt und wiegt 90 Kilogramm. Sie wird von ihren Klassenkameraden ausgelacht, ihre Schulleistungen sind gesunken. Was können wir tun?». So oder ähnlich tönen die Hilferufe der Eltern, die sich an «Keep on moving» wenden. Das Mädchen gehört zu den schwersten drei Prozent ihres Alters und damit genau zur Zielgruppe des Programms der Hochschule für Soziale Arbeit und der Klinik für Kinder und Jugendliche am Kantonsspital Aarau.

In Aarau erhalten stark übergewichtige Kinder künftig weniger Hilfe beim Abnehmen. Es fehlt am Geld für das Projekt.

Bildlegende: In Aarau erhalten stark übergewichtige Kinder künftig weniger Hilfe beim Abnehmen. Es fehlt am Geld für das Projekt. Keystone (Symbolbild)

In der anderthalbjährigen Gruppentherapie werden die Kinder von Ärzten, Psychologen, Ernährungsberatern und Sport-Therapeuten betreut. Und sie können sich mit anderen Betroffenen austauschen, sich so auch gegenseitig motivieren. Sie lernen, ihr Gewicht zu kontrollieren, zudem wird ihr Selbstwertgefühl gestärkt.

Krankenkassen übernehmen nur die Hälfte

Im Vergleich zu Einzel-Sprechstunden erziele der Einsatz von mehreren Personen und Disziplinen sowie der Einbezug der Eltern deutlich positivere Erfolge, teilt die Hochschule für Soziale Arbeit am Montag mit. Trotzdem werden nun keine neuen Kinder mehr in diese Gruppentherapie aufgenommen, das Programm wird Anfang 2015 eingestellt.

«Wir sind sehr enttäuscht», sagt Co-Projektleiterin Andrea Zumbrunn. Dem Regionaljournal Aargau Solothurn von Radio SRF erklärt sie: «Wir können die Kosten nicht decken. Wir mussten deshalb jeweils Zusatzfinanzierungen finden. Das ist ein beschwerlicher Weg, den wir nicht mehr weitergehen können.»

Die Kosten für eine Therapie betragen 8400 Franken pro Familie. Die Hälfte davon übernehmen die Krankenkassen. Den Rest musste das Projektteam jeweils zusammenbetteln, beispielsweise bei Stiftungen oder dem Bundesamt für Gesundheit.

Folge-Kosten werden viel höher sein

Sehr enttäuscht ist auch Matthias Gittermann, Co-Projektleiter am Kantonsspital Aarau. Der Arzt ist überzeugt, dass es die Gesellschaft in ein paar Jahren teuer zu stehen kommt, dass jetzt bei der Therapie gespart wird. «Wir werden diese Patienten dann in der Erwachsenen-Kardiologie sehen, mit Diabetes und so weiter». Diese Kosten werden laut Gittermann weitaus höher sein als die Kosten für die jetzige Gruppentherapie, die nun eingestellt werden muss.

Eine Gruppentherapie für schwer übergewichtige Kinder im Aargau gibt es auch in Wohlen. Das dortige Programm «Food for Kids» wird vom Projektteam in Aarau jetzt als Alternative empfohlen. Ansonsten gibt es in Aarau ab 2015 nur noch Einzel-Beratungen.