Pflegekinder Wenn das Mami nicht mehr Mami sein kann

Genaue Zahlen gibt es nicht: Schätzungsweise 13'000 bis 15'000 Kinder in der Schweiz leben nicht bei ihren eigenen Eltern, sondern in Pflegefamilien. Im Aargau kümmern sich sechs Organisationen um die Vermittlung solcher Plätze. Gesucht sind «öffentliche Familien».

Ein altes Bauernhaus in einem Wynentaler Dorf. Im Garten spielen mehrere Kinder. Es sind die zwei Kinder von Rahel Brand und ihrem Mann. Und ihre Pflegekinder. Seit Jahren nimmt das junge Ehepaar fremde Kinder bei sich auf.

«Ich selber musste nach der Scheidung meiner Eltern mit 14 Jahren von Zuhause weg, an einen fremden Ort. Vielleicht auch deshalb möchte ich Kindern und Jugendlichen helfen», sagt die Pflegemutter und Sozialdiakonin.

In ihrem Garten spielen deshalb immer wieder Kinder «aus schwierigen Verhältnissen». Kinder von alkohol- oder drogensüchtigen Vätern, von psychisch kranken Müttern, von überforderten Eltern.

Schwierige Eltern

Zwei Kinder am spielen in der Natur

Bildlegende: Kind sein dürfen: Das ist eines der Ziele bei der Platzierung von Kindern in Pflegefamilien. Colourbox

Es sind Kinder aus «mehrfachbelasteten Familien», wie Familientherapeutin Karin Gerber von der Fachstelle Pflegekind Aargau in Baden sagt. Kinder, die in ihrem eigenen Zuhause nicht mehr Kind sein können, weil sie nicht gefördert werden oder sich sogar um ihre eigenen Eltern kümmern müssen.

Früher waren für diese Fälle häufig überforderte Gemeinderäte zuständig. Kinder wurden in Familien abgeschoben, die sie als billige Arbeitskräfte missbraucht oder «verdingt» haben. Und es wurden auch Kinder aus ihren Familien gerissen, obwohl es nicht zwingend notwendig war.

Heute sei die «Fremdplatzierung» das letzte Mittel, sagt Familientherapeut Guido Messikomer. Wenn Familienbegleitung, Therapien, Beratung nichts mehr nützt. Die Entscheidung fällt im Kanton Aargau das zuständige Familiengericht. «Es gibt klare Rechtsgrundlagen. Eltern und Kinder werden angehört. Einfach so wird kein Kind mehr weggenommen, diese Zeiten sind definitiv vorbei.»

Schwierige Kinder

Probleme gibt es aber auch heute noch. Gemäss der Pflegekinder-Aktion Schweiz gelingen zwar 90 Prozent aller Platzierungen. Aber auch Rahel Brand hat schon Kinder aufgenommen, mit denen sie und ihre Familie nicht klargekommen sind.

«Ein dreijähriges Mädchen, sehr verwahrlost. Sie hatte früher wahrscheinlich nur vor dem Fernseher gesessen. Sie konnte nicht spielen. Und sie hat ständig geweint.» Die Belastung für Pflegeeltern und eigene Kinder wurde zu gross. «Wir mussten sie nach einem halben Jahr wieder weggeben, das war schwierig.»

Inzwischen kümmere sich ein kinderloses Ehepaar mit therapeutischer Ausbildung um das Mädchen, erzählt Rahel Brand. «Sie ist immer noch dort, das ist eine gute Lösung.»

Schwierige Aufgabe

Kinder mit Mutter blicken in den Sonnenuntergang

Bildlegende: Nicht jedes Pflegekind passt in jede Pflegefamilie: Deshalb finden Fachleute die professionelle Begleitung wichtig. Colourbox

Zukünftige Pflegefamilien werden heute auf Herz und Nieren geprüft. Die Fachstelle erteilt obligatorische Kurse, die Familien werden im Vorfeld besucht.

Wer einem Pflegekind helfen will, der braucht eine Bewilligung der Gemeinde. Man muss aktiv und immer wieder mit Behörden und Fachleuten zusammen arbeiten. «Man wird zu einer öffentlichen Familie», sagt Guido Messikomer.

Ein Pflegekind ist kein Adoptivkind, kein eigenes Kind. «Man muss auch lernen, eine gewisse Distanz zu wahren. Denn plötzlich verbessert sich die Situation in der Familie wieder und das Kind darf zurück», sagt Rahel Brand. Das Kind ist oft nur temporär zu Gast. Und die leiblichen Eltern reden mit. Karin Berger und Guido Messikomer sprechen deshalb vom «Pflegesystem».

Schwierige Finanzierung

Pflegeeltern werden für ihren Aufwand «entschädigt», wie Guido Messikomer sagt. Es gibt einen pauschalen Pflegebeitrag, dazu werden Kost und Logis vergütet. «Als Pflegeeltern ist man 24 Stunden und 365 Tage im Einsatz. Wenn man den Stundenlohn errechnet, dann kommt man nicht einmal auf 10 Franken.»

Trotzdem: Für Gemeinden können Pflegeplätze teuer sein. 165 Franken verrechnet die Fachstelle pro Tag und Kind. Darin sind die Entschädigung für die Familie und die Kosten der professionellen Begleitung durch die Fachstelle enthalten. 165 Franken pro Tag - das ergibt über 5000 Franken pro Monat.

«Wenn eine kleine Gemeinde ein oder zwei Pflegekinder bezahlen muss, dann ist das viel Geld», gibt Familientherapeutin Karin Berger zu. Deshalb gebe es Gemeinden, welche Kinder lieber in einem Heim platzieren würden. «Dann bezahlt der Kanton, er ist für die Heim-Finanzierung verantwortlich», erklärt Gerber das System.

«Es gibt Gemeinderäte, die möchten Kinder ins Heim abschieben, weil es weniger kostet. Ich finde das verrückt», sagt Rahel Brand. Sie habe so einen Fall erlebt. Manchmal ist eine Heimplatzierung auch aus fachlicher Sicht richtig, zum Beispiel wenn ein Kind professionelle Betreuung durch Fachleute nötig hat. Aber die Entscheidung sollte nicht durch die Kosten getrieben sein, findet die Leiterin der Fachstelle.

Ein gutes Gefühl

Trotz Schwierigkeiten. Trotz komplizierter Zusammenarbeit mit Behörden. Trotz Enttäuschungen. Trotz geringer Entlöhnung. Rahel Brand und ihr Mann wollen auch in Zukunft Pflegekinder bei sich aufnehmen.

«Die Beziehungen, die man knüpft. Die SMS und Besuche von ehemaligen Pflegekindern. Wenn sie einem sagen, es sei gut gewesen. Das ist Lohn genug.»

Flüchtlinge als Pflegekinder

Immer häufiger suchen Behörden auch für «unbegleitete minderjährige Asylbewerber» (UMA) Pflegefamilien. Neben den kulturellen und sprachlichen Hürden seien diese Jugendlichen häufig traumatisiert von ihrer Flucht, erklärt Guido Messikomer. Relativ viele Pflegeverhältnisse würden deshalb wieder aufgelöst. Es brauche mehr Therapieangebote.