Richard Wherlock und seine sieben Zwerge

Mit «Snow White» zeigt der Basler Ballettdirektor Richard Wherlock ein abendfüllendes Handlungsballett. Am Samstag feierte die Uraufführung zu Musik von Dmitri Schostakowitsch Premiere.

Sieben Zwerge betrachten das schlafende Schneewittchen

Bildlegende: Die sieben Zwerge bestechen sowohl durch Komik als auch durch tänzerisches Können. Ismael Lorenzo

Man merkt Richard Wherlock die Lust am Geschichtenerzählen an. Er bringt den klassischen Märchenstoff lustvoll und unterhaltsam auf die Bühne. Insbesondere die sieben Zwerge stechen hervor. Die sieben Tänzer können ihr Potenzial ausschöpfen und ihre jeweiligen Stärken zeigen. Da ist etwa der Zwerg, der Saltos schlägt, oder der Zwerg, der Pirouetten dreht. Und dann gibt es den Zwerg, der mit hohen Sprüngen beeindruckt. Doch trotz der tänzerischen Individualität finden die Zwerge immer wieder zu einer gemeinsamen Körpersprache. Mit wackelnden Köpfen, gebeugten Rücken und plumpen Bewegungen wirbeln die Zwerge über die Bühne.

Digitales Spieglein an der Wand

Doch nicht allen Figuren gibt Richard Wherlock eine solch prägnante Tanzsprache. Für Schneewittchen und die Stiefmutter greift Wherlock auf bewährte Bewegungen und Schritte zurück und so erhalten sie weniger durch die Choreografie Kontur, als viel mehr durch Kostüm und Bühnenbild.

Schneewittchen trägt ein verspieltes weisses Spitzenkleidchen. Die Stiefmutter hingegen erscheint im wallenden roten Kleid. Und während sie tanzt erscheint im Hintergrund auf einer Leinwand ein übergrosses Porträt von ihr. Schonungslos zeigt das digitale Spieglein an der Wand die Bösartigkeit der Stiefmutter. Das blasse Gesicht verzieht sich zur Fratze und reisst den Mund zum lautlosen Schrei auf.

Originalgetreu nacherzählt

Es kommt, wie es kommen muss: Schneewittchen wird durch einen Apfel vergiftet und bricht zusammen. Doch dann erscheint ein Prinz und rettet sie. Der Prinz, ganz in Gold gekleidet und geschminkt, erweckt Schneewittchen in einem überzeugenden Pas de deux wieder zum Leben. Während Schneewittchen zu Beginn leblos in seinen Armen mitschwingt, wacht sie plötzlich auf und emanzipiert sich in den Armen des Prinzen zur selbstbewussten Frau, die der Schwiegermutter stolz entgegen tritt.

Richard Wherlock erzählt das Gebrüder-Grimm-Märchen originalgetreu und linear nach. So ist «Snow White» ein gelungener Ballettabend, jedoch verzichtet Richard Wherlock darauf, dem Märchen seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Während Richard Wherlock bei anderen Klassikern, die er bereits auf die Bühne gebracht hat - etwa Schwanensee - stärker zu einer eigenen Version gefunden hat, geht er bei Schneewittchen nur ansatzweise in die Tiefe.