Unispital Basel geht neue Wege Senioren erhalten eigene Notaufnahme

Ob Sturz oder Infekt: Im Alter steckt man Notfälle nicht mehr so leicht weg. Dem trägt das Unispital Basel nun Rechnung.

  • Nach dem Universitätsspital Genf hat nun auch das Universitätsspital Basel (USB) ein Notfallzimmer eigens für Senioren in Betrieb genommen.
  • Mit Handläufen, Seh-, Geh- und Hörhilfen, einer hellen und ruhigen Atmosphäre soll die neue Notaufnahme den Bedrüfnissen von Menschen über 65 gerecht werden.
  • Allerdings können dort nur mittelschwere Notfälle behandelt werden. Die Patienten müssen noch selber stehen und gehen können.
  • Mit einer Zunahme der Notfall-Patienten wegen der Senioren-Abteilung rechnet das USB nicht.

Notfallpatienten über 65 werden am Universitätsspital Basel (USB) neu in einer separaten Abteilung direkt neben dem allgemeinen Notfallzentrum aufgenommen. Man betritt den Raum durch eine Glastür. Durch grosse Scheiben sieht man nach draussen.

Die ruhige und helle Atmosphäre sei für ältere Menschen besonders wichtig, erklärt Roland Bingisser, Chefarzt des Notfallzentrums. In Räumen ohne Fenster oder in der hektischen Betriebsamkeit der allgemeinen Notaufnahme verlören sie oft die Orientierung.

Ein Mann sitzt in einem Behandlungssessel und eine Pflegende steht an einem Computerwagen.

Bildlegende: In der seniorenfreundlichen Notaufnahme sitzen die Patienten während der Behandlung. ZVG

Behandlung im Sitzen

Überhaupt ist alles im neuen Notfallzimmer auf Senioren zugeschnitten, beispielsweise werden sie nicht in Betten, sondern in Sesseln behandelt. Sitzend hätten ältere Menschen in der Regel weniger Schmerzen, erklärt die USB.

Zudem müssten sie so auch nicht ständig an die Decke starren und seien deshalb weniger verwirrt. Vorerst können dort vier Patienten behandelt werden.

Vom Handlauf bis zur Hörhilfe

Zur besseren Orientierung dienen auch Sehhilfen und eine grosse Uhr mitten im Zimmer. Gehilfen und Handläufe sollen die Sturzgefahr minimieren. Um die Kommunikation mit den Pflegenden zu verbessern, stehen den Patienten zudem spezielle Hörgeräte zur Verfügung.

Zuvor hätten Schwerhörige meist «nett» genickt, obwohl klar gewesen sei, dass sie nichts verstanden hätten, erklärt Bingisser. «Mit diesen Geräten hören sie die Stimme des Pflegers plötzlich glasklar.»

Beeinträchtigungen früher erkennen

Vor allem gehe es in der Senioren-Notaufnahme aber auch darum, kognitive und funktionelle Beeinträchtigungen der Patienten früh erkennen zu können und so das Risiko für Komplikationen zu minimieren, schreibt die USB.

Im Senioren-Zimmer können allerdings nur mittelschwere Notfälle behandelt werden. Um aufgenommen zu werden, müssen die betagten Patientinnen und Patienten noch selber stehen und gehen können.

Jeder dritte Notfallpatient über 65

Mit seinem neuen Notfallzimmer reagiert das Universitätsspital Basel auf eine gesellschaftliche Entwicklung. Bereits heute ist dort jeder dritte Patient im Pensionsalter. Bisher habe man in Spital-Notaufnahmen nicht auf die besonderen Bedürfnisse von Senioren geachtet, stellt Bingisser fest.

«In ganz Europa lässt man 90-Jährige heute bis zu zwei Stunden warten. Man hat sie ja schon gesehen und weiss, dass sie nichts Gefährliches haben. Das heisst aber nicht, dass sie keine Schmerzen haben.»

Notfall-Patienten am USB

Das USB verzeichnete zwischen 2006 und 2015 einen Anstieg der Patienten
auf der Notfallstation von 37'733 auf 50'115. 2016 waren es bereits rund 53‘000. Jeder dritte Mensch, der ins USB-Notfallzentrum kommt, ist über 65.

Ein falscher Anreiz?

Setzt das Universitätsspital Basel mit dem seniorenfreundlichen Angebot in Zeiten überlasteter Notfallstationen nicht den falschen Anreiz? Statt zum Hausarzt, gehen immer mehr Patienten in die Notaufnahme, selbst mit Bagatellfällen. Das treibt die Gesundheitskosten zusäztlich an, denn eine Spitalbehandlung kostet viel mehr als eine beim Hausarzt.

Mit dem Senioren-Notfall wolle die USB nicht mehr Patienten gewinnen, stellt Sprecher Martin Jordan klar. «Zur Entlastung unseres Notfallzentrums haben wir für leichtere Fälle bereits seit Längerem die Hausärztliche Notfallpraxis im Haus.»

Ein Modell mit Zukunft

Dass ältere Menschen sich wohlfühlten, sei das wichtigste Ziel des neuen Notfalls. Im Basler Unispital ist man überzeugt, dass diesem Modell die Zukunft gehört – auch in anderen Schweizer Spitälern.