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Administrativ versorgt «Ich wurde im Gefängnis zwischengelagert»

Legende: Audio Erna Eugster: «Viele sagen, sie hätten davon nichts gewusst» abspielen. Laufzeit 15:40 Minuten.
15:40 min, aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 14.01.2018.

Erna Eugster (65) hatte einen schwierigen Start ins Leben. Nach ihrer Geburt in Solothurn verbrachte sie die ersten Lebensjahre in einem Kinderheim. Als Mädchen kehrte sie zu ihren Eltern im Oberaargau zurück, wo sie, besonders von ihrer Mutter, misshandelt wurde. Später kam sie zu einer Pflegefamilie und in Heime. Weil sie von dort weglief wurde sie als Jugendliche inhaftiert und landete in Erziehungsheimen und der Psychiatrischen Klinik. Heute lebt Erna Eugster mit ihrem Mann und Hund im Westen von Bern.

Schwarzweiss Foto, von der Seite und von Vorne
Legende: Polizeifoto von Erna Eugster, späte 1960er-Jahre. Kantonspolizei Bern

SRF: Sie waren 16 Jahre alt als sie das erste Mal im Berner Amtshaus, dem damaligen Bezirksgefängnis, einsassen. Wieso?

Erna Eugster: Dort hat man mich einfach zwischengelagert. Weil ich zu Hause Schwierigkeiten hatte, hatte man ja versucht, mich fremd zu platzieren, bei einer Pflegefamilie oder in Heimen. Dort lief ich davon. Immer wenn ich aufgegriffen wurde, steckte man mich ins Gefängnis. Sie wussten ja sonst nicht wohin mit uns.

Weitere Stationen waren die Psychiatrische Klinik in Münsingen oder die Arbeitserziehungsanstalt in Kalchrain (TG). Was wurde Ihnen genau vorgeworfen?

Es hiess, wir seien liederlich und arbeitsscheu. Wir waren nichts wert, kein Haar war gut an uns. Und so wurden wir auch behandelt. Auch bei der Polizei gingen wir nicht aus dem Verhöhrzimmer bis klar war, dass wir eben noch ein Luder seien. Das hatte damals System.

Wir waren nichts wert. Und so wurden wir auch behandelt.

Die Schweiz will dieses dunkle Kapitel aufarbeiten. Was wünschen Sie sich von der Politik?

Ich wünsche mir, dass wir in der Schweiz hinschauen und das als unsere Geschichte betrachten. Es soll nicht mehr einfach unter den Tisch gewischt werden. Viele sagen zwar heute, sie hätten nichts davon gewusst. Das stimmt einfach nicht. In jeder Schulklasse gab es Kinder, die verdingt oder administrativ versorgt wurden.

In jeder Schulklasse gab es Kinder, die administrativ versorgt oder verdingt wurden.

Noch bis Ende März 2018 können Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen und ehemalige Verdingkinder beim Bund ihren Anspruch auf einen Solidaritätsbeitrag geltend machen. Schätzungen gehen davon aus, dass in der Schweiz noch rund 20'000 Opfer leben. Weshalb haben sich bis jetzt nur rund 4400 Personen gemeldet?

Ich denke, dass viele Opfer immer noch Scham empfinden. Viele wollen zudem mit den Behörden nichts mehr zu tun haben oder haben Angst, dass sie dann wieder mit dem Sozialamt in Kontakt kommen. Aber damit hat es ja nichts zu tun. Ich rufe alle Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen und Verdingkinder dazu auf, dass sie sich melden. Denn wir haben ein Anrecht darauf.

Das Gespräch führte Leonie Marti.

  • Raum aus Karton
    Legende: SRF

    «Ir Chischte»

    Erna Eugster konzipierte mit dem Berner Künstler Christian Grogg die Ausstellung «Ir Chischte». Darin zu sehen ist eine begehbare Nachbildung ihrer Gefängniszelle im Berner Amtshaus. Die Ausstellung im Berner Kornhausforum läuft noch bis am 28. Januar 2018.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Dölf Meier (Meier Dölf)
    Jeder Mensch erlebt in seinem Leben Kränkungen und Bosheiten. Erna Eugster fehlte eine liebevolle Mutter, oder fehlte auch ein beschützender Vater. Was geschehen ist kann nicht rückgängig gemacht werden. Jammern nützt nichts. Ich empfehle ihr mit Mann und Hund sich am restlichen Leben zu erfreuen.
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    1. Antwort von Beat Gurzeler (B.Gurzeler)
      Herr Meier so tönt es von Ihnen, aus dem leben aus dem Sinn, aber eine solche Aussage machen leider viele Schweizer/innen , Sie scheinen auch für die anderen mehr übrig zuhaben als für die eigenen Leute. Sich am restlichen Leben zu erfreuen kann auch nur jemand empfehlen der vermutlich solches nicht mitgemacht hat !
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  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Ja eben nichts wert sein - das erfahren Heute noch viele Menschen am eigenen Leib. Wer nicht rentiert wird aussortiert - dies ist der heimliche verachtende Zustand - an vielen Fällen belegbar - ab 50 oft, schau wo du dein Brot verdienst -oder gehe gebückt und vielmals dankend zu den gnadenhaften Sozialinstitutionen -schämt sich denn dieses reichste Land der Erde nicht über solche Missstände ? Wo bleibt endlich das bedingungslose Grundeinkommen - zumindest für alle ohne Arbeit ? Unfassbar sowas !
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    1. Antwort von Dölf Meier (Meier Dölf)
      @M. Kaiser, mit Klarsicht ist einem bewusst, alles ist zuerst zu erstellen bevor man es verteilen kann. Kennen Sie einen Staat ohne Rohstoffe wo das funktioniert, bzw. alles gratis ist. Bei uns ist für alle Menschen gesorgt. In Saus und Braus ohne zu arbeiten kann man leider nur im Märchen leben. Träumen Sie weiter!
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  • Kommentar von Paul Grunder (Zimmermeister)
    Haha...und wieder Formulare ausfüllen und wieder begutachtet werden und wieder warten und warten auf Entscheide und wieder Rekurse und wieder ohnmächtig den Behörden ausgeliefert. Hört doch auf mit diesem Unsinn und sorgt dafür, dass so etwas nie mehr passiert. Daran zweifle ich aber sehr.
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