Historische Fotografien Bilder des Aufschwungs im Oberaargau

Der Fotograf Johann Schär hat vor rund 100 Jahren die bäuerliche Gesellschaft im Oberaargau fotografiert. Sein Fundus wird im Kunsthaus Langenthal erstmals umfassend ausgestellt.

«Chäs u Chole» heisst die Ausstellung. Sie zeigt eine Region, die wirtschaftliche Umbrüche erlebt. Das Dorf Gondiswil war sein Schauplatz: Über mehrere Jahrzehnte bildete Johann Schär Leute und Leben in diesem Ort ab. Über 4000 Fotografien sind so entstanden. Erst in den letzten Jahren sind sie ans Licht gekommen.

«  Die Fotografien zeigen, wie es mit der Region aufwärts ging in dieser Zeit. »

Markus Schürpf
Kurator und Kunsthistoriker

«Johann Schär war ein Wander- und Dorffotograf. Er ist zu den Leuten gereist, um sie darzustellen», sagt Kurator und Kunsthistoriker Markus Schürpf. «Der Fotograf hat die Leute aus dem Dorf und der Umgebung alle gekannt, und so sind Bilder mit einer ganz bestimmten Nähe entstanden», so Schürpf.

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Markus Schürpf über Johann Schär

0:55 min, vom 8.2.2017

Auf den Bildern wird ersichtlich, dass sich die Region in der Zeit nach 1900 stark wandelte. War der Oberaargau zuvor von Abwanderung betroffen, so setzte zur Zeit von Johann Schärs Wirken ein Aufschwung ein, hervorgerufen durch die Käse-, Holz- und Kohlewirtschaft. Der Aufschwung werde in den Fotografien direkt sichtbar, sagt Schürpf: «Plötzlich standen da Strommasten oder Benzinzapfsäulen». Das mache die Bilder zu ganz speziellen Zeitdokumenten und den Fund so wertvoll.

Jahrelange Suche

Mehrere Jahre hat es gedauert, bis Markus Schürpf die Fotografien beisammen hatte. Angefangen hatte alles mit dem Tipp des Redaktors eines Lokalblattes. Aufgespürt hat Schürpf die Bilder schliesslich auf vielen Estrichen der Region. Parallel zur detektivischen Suche hat er Lebensumstände des Fotografen und die Geschichten hinter den Bildern erforscht.

Das Kunsthaus Langenthal zeigt die Ausstellung «Chäs u Chole. Der Gondiswiler Fotograf Johann Schär (1855-1938)» vom 9. Februar bis 2. April 2017.

Millionen von alten Fotos in Archiven

Im Kanton Bern liegen über fünf Millionen Fotografien in Archiven von Museen, Stiftungen oder Institutionen von Bund, Kantonen oder Gemeinden. In den Kantonen Freiburg und Wallis sind es je eine gute Million. Das steht in einem Bericht, den der Kunsthistoriker Markus Schürpf im Auftrag der Stiftung Memoriav verfasst hat. Platz sei genügend vorhanden. Jedoch fehle es oftmals an Geld und Fachwissen, um die Fotos zu sichern. Ansonsten könnten sie chemisch zerfallen. Damit ginge ein Teil des Kulturerbes verloren, so Schürpf: «Fotografien überliefern soziale und wirtschaftliche Realitäten. Jeder Fotograf bildet einen Teil davon ab. Und erst wenn wir die Gesamtheit der Fotografien beisammen haben, wird die Realität seit den Anfängen der Fotografie um 1840 bis heute sichtbar.»