Die bernische Pflegebranche hat sich stark verändert

Das klassische Altersheim ist ein Auslauf-Modell, so will es die Politik. Senioren leben länger in den eigenen vier Wänden oder in betreuten Alterswohnungen. Und danach brauchen sie die Pflegeabteilung. Für die Heime ist das eine gewaltige Herausforderung - baulich, finanziell und organisatorisch.

Mit 70 ins Altersheim und dann 20 Jahre einen Lebensabend zu verhältnismässig günstigen Preisen. Dieses klassische Modell des Altersheims gibt es praktisch nicht mehr. Dafür hat die bernische Alterspolitik seit 2004 und die neue Alterspflege-Finanzierung seit 2011 gesorgt.

Heute leben alte Leute viel länger in den eigenen vier Wänden, umsorgt von ebenfalls älteren Angehörigen und unterstützt von ambulanten Diensten wie Spitex und Betreuungsdiensten. Oder Senioren ziehen in betreute Alterswohnungen, in denen sie einen grossen Freiraum haben. Und dann folgt für hochbetagte, kranke oder demente Menschen nicht mehr das Zimmer im Altersheim - sondern die letzte Lebensphase in der Pflegeabteilung. Da bleiben die Pensionäre nicht mehr 20 Jahre, sondern im Durchschnitt noch 30 Monate.

Heime erleben Konkurrenz und neue Ansprüche

Dieser Wandel hat in den letzten 10 Jahren in aller Stille stattgefunden. Aber er hinterlässt in der Altersheim-Branche tiefe Spuren. Einerseits müssen sie in der Lage sein, den heutigen Komfortansprüchen zu genügen. Mehrfach-Zimmer und Etagenbäder aktzeptieren Kunden und ihre Angehörigen nicht mehr. Und sie können aussuchen. Denn die langen Wartelisten auf einen Altersheimplatz sind ebenfalls verschwunden.

Andernseits müssen die Institutionen in der Lage sein, fachlich und personell eine professionelle Dienstleistung zu gewährleisten. «Der respektvolle Umgang ist ein zentrales Bedürfnis, damit wir im Konkurrenzkampf bestehen», bestätigt Heinz Hänni, CEO der grossen Domicil-Gruppe. Sie betreibt im Berner Mittelland, im Gürbetal und in Thun 20 Alters- und Pflegeheime. Ein gemeinnütziges Unternehmen mit 135 Millionen Franken Umsatz pro Jahr.

Zurzeit wird unglaublich viel gebaut

Aktuell werden im Kanton Bern mehrere hundert Millionen Franken in Alters-Infrastrukturen verbaut - in Bern, wo Domicil in den nächsten fünf Jahren 180 Millionen investiert, in Biel, wo die Stadt renoviert, in Thun, wo die Burgergemeinde ein 40-Millionen-Projekt hochzieht. In Erlenbach und Zweisimmen, wo die Alterswohnen STS AG umbaut. Oder in Hünibach, wo die Stiftung Seegarten vor dem grössten Umbau ihrer Geschichte steht. «Wir mussten uns entscheiden: Entweder machen wir es richtig oder gar nicht», sagt der langjährige Seegarten-Leiter Andreas Schoder.

Herausforderungen, die Blaise Kropf vom Alters- und Versicherungsamt der Stadt Bern sehr vertraut sind. Das Altersheim Kühlewil ausserhalb der Stadt, wird zurzeit saniert - hatte aber in den letzten zwei Jahren je eine Million Franken Defizit gemacht. Die Investitionen müssen die Heime selber stemmen können, die Vorschriften des Kantons sind einschneidend und die Erträge mit Tarifen festgelegt.

Die Alterspolitik des Kantons schlägt voll durch

«Es ist tatsächlich kein Stein auf dem anderen geblieben», bestätigt Andrea Hornung, Leiterin der Abteilung Alter in der bernischen Kantonsverwaltung. «Und diese Entwicklung wird noch weitergehen, sei es in den Heimen oder bei den ambulanten Dienstleistern.»

Das heisst: Immer mehr ältere Menschen kommen immer später in die Institutionen der Alterspflege - und haben dort immer grössere und komplexere Ansprüche an die Pflege und die Betreuung.