«Enfants à louer»: In Freiburg wurden Verdingkinder versteigert

2012 hat sich der Freiburger Staatsrat bei Verdingkindern entschuldigt. Und seither dieses Kapitel der Geschichte wissenschaftlich aufarbeiten lassen. Das Buch belegt beschämende Praktiken.

Porträt von Francis Python.

Bildlegende: Francis Python ist Mitverfasser des Buches über ein dunkles Kapitel der Freiburger Geschichte. Patrick Mülhauser/SRF

Ab 1850 waren im Kanton Freiburg die Gemeinden zuständig für die Platzierung von armen Kindern und Waisen. Dies geschah teilweise mittels öffentlicher Versteigerungen. «Wir haben Dokumente gefunden, die belegen, dass Kinder nach der Sonntagsmesse versteigert wurden», erklärt Co-Autorin und Historikerin Rebecca Crettaz.

Sie hat Gemeinderatsprotokolle von acht französischsprachigen Gemeinden im Kanton Freiburg untersucht. Die Gemeinden platzierten die Kinder bei dem Bauern, der für Kost und Logis am wenigsten verlangte. Denn die Platzierung von Verdingkindern kam die Gemeinden teuer zu stehen, sagt die Historikerin: «Es gab Gemeinden, die bis zu zwei Drittel ihres Budgets dafür ausgeben mussten.»

Ein Gesetz verbot ab 1928 im Kanton Freiburg die Versteigerung von Verdingkindern. Aber es seien auch weiterhin Kinder platziert worden, sagt Co-Autor Francis Python. Zunehmend in kirchlichen Institutionen und Heimen. «Auch hier gab es Misshandlungen.» Die staatliche Kontrolle habe lange gefehlt.

Er wolle die Akteure von damals allerdings nicht verurteilen, erklärt der emeritierte Professor, das sei im Verständnis der damaligen Zeit so geschehen. Und: «Heute platzieren wir Kinder von Asylbewerbern in Heimen und Zivilschutzanlagen.» Jede Epoche habe ihre eigene Verantwortung zu tragen.

Moralische Anerkennung

Der Freiburger Staatsrat hat sich 2012 offiziell bei den Verdingkindern entschuldigt. Freiburg zahlte 200‘000 Franken in einen nationalen Topf für Soforthilfe. Die Forderung nach namhaften Entschädigungen, wie sie eine Initiative verlange, sei juristisch schwierig umsetzbar, findet Staatsratspräsident Erwin Jutzet. «Es geht vor allem auch um eine moralische Anerkennung des Unrechts.» Das Buch ziele in diese Richtung. Der Kanton Freiburg hat die Publikation des Buchs «Enfants à louer» mit 40‘000 Franken unterstützt.

Das Buch ist bei der Société d'histoire du canton de Fribourg auf Französisch erschienen und kostet 40 Franken.