«In Bern gibt es zu viele Kompromisse»

Der renommierte dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl hat die Stadt Bern besucht. Auf zwei Stadtspaziergängen inspizierte er das Werk der hiesigen Stadtplaner und sprach danach von zu vielen Kompromissen, aber auch von viel Potenzial.

An einer Medienkonferenz sagte Gehl am Sitz des Stadtpräsidenten im Erlacherhof, er hätte sich manchmal einen Besen gewünscht, um in Bern ein bisschen aufzuräumen. Kompromisse zu schliessen, sei ja aber wohl eine Schweizer Eigenschaft. Beispielsweise fand Gehl laut Stadtpräsident Alexander Tschäppät, der Bahnhofplatz wäre besser autofrei. Und ermutigte die Stadtbehörden, weniger Kompromisse zulasten von Fussgängern und Velofahrern zu machen.

Anderseits sprach er von einem guten Geist, der bei Stadtplanern und den Behörden herrsche. Das sei eine gute Voraussetzung, um Bern urbanistisch voranzubringen.
Bern als Bundesstadt habe - wie jede andere Hauptstadt auch - eine Verpflichtung, besser zu sein als andere Städte im Land. Hauptstädte müssten Modellcharakter haben. Bern mit seiner schönen Altstadt befinde sich dafür in einer guten Ausgangslage. «Bern ist ein Ort mit fantastischem Potenzial», so Gehl.

Mensch im Mittelpunkt

Der 78-jährige Gehl kam auf Einladung nach Bern. Gehl ist bekannt geworden für seine Forderung nach menschlichen Städten, wie er dies zuletzt in einem Buch mit dem Titel «Städte für Menschen» beschrieb.

Laut der Stadt Bern gehört er zu den bedeutendsten und einflussreichsten zeitgenössischen Architekten und Stadtplanern. Er erzählte in Bern, wie er auch in New York und Moskau die Stadtverwaltungen beraten hat. Auslöser für seine humanistische Sicht auf die Stadtplanung, so Gehl selber, sei die Frage seiner Frau gewesen, wieso sich Architekten und Stadtplaner immer für Gebäude und den Verkehr interessierten, aber nicht für die Menschen. In einer Zeit, in der die Menschen wieder mehr in die Städte zögen, über viel Freizeit verfügten und die Bevölkerung altere, müsse es darum gehen, Städte wieder lebenswerter zu machen.

Tschäppät: «Bern macht viel richtig»

Alexander Tschäppäts Fazit nach dem Arbeitsbesuch Gehls ist, dass Bern «sicher viel richtig» macht. Dort, wo Gehl Kritik angebracht habe, gelte es, das Engagement für eine lebendige Stadt mit Plätzen und Orten der Begegnung weiterzuführen.

Kritik angebracht hat Gehl laut einer Mitteilung der Stadt beispielsweise bei der Verkehrsführung auf der Lorrainebrücke. Im Zusammenhang mit der von der Stadt initiierten Velo-Offensive sagte er, durchgängige Velorouten seien wichtig.
Tiefbau-, Verkehrs- und Stadtgrün-Direktorin Ursula Wyss sagte vor den Medien, wenn Bern Veloförderung betreibe, gehe die Stadt sicher den richtigen Weg. Sie hofft, dass Gehls Besuch in Bern nur der Anfang einer weiteren Zusammenarbeit mit dessen Büro sei - etwa bei der Weiterentwicklung des Waisenhausplatzes.