Kinder, die niemand will: die harzige Suche nach Sonderschulen

Im Kanton Bern warten mehrere Kinder auf einen Platz an einer Sonderschule. Weil die Kinder als schwierige Fälle gelten, wollte sie bis jetzt keine Schule aufnehmen. Ein ehemaliger Kadermitarbeiter des Kantons muss es nun richten: Kurt Marti versucht, die Kinder zu platzieren.

Auf Kurt Martis Schreibtisch stapeln sich die Dossiers, in Sichtmäppchen verpackt, nach Farben sortiert. In den Mäppchen sind die Lebensgeschichten von Kindern festgehalten. Und diese sind alles andere als durchschnittlich: Es sind Kinder, die bereits mit sechs Jahren stark verhaltensauffällig sind, psychische Probleme haben, schulisch schwach sind und zum Teil kaum Deutsch können.

Allein in den letzten Monaten hatten 24 Mädchen und Buben aus dem Kanton Bern aus diesen oder ähnlichen Gründen keinen Schulplatz an einer Sonderschule - obwohl sie alle im schulpflichtigen Alter wären.

Eines dieser Kinder wird von Bernhard Franke betreut, der als Sozialarbeiter und Berufsbeistand bei der Gemeinde Köniz arbeitet. In einem Beitrag des Regionaljournals Bern Freiburg Wallis vom Mai hat er auf die Missstände im Sonderschulwesen hingewiesen. Alleine um seinen Mandanten im Schulalter in einer Schule unterzubringen, hatte der erfahrene Fachmann 14 Sonderschulen aufgesucht, wie er damals gegenüber dem Regionaljournal erläuterte. Von allen erhielt er nur Absagen. Der Grund dafür: Der Bub passe nicht in die bestehenden Strukturen und erfordere einen zu hohen Betreuungsaufwand.

21 Kinder haben nun einen Schulplatz

Nun hat der Kanton Bern gehandelt und seinen ehemaligen Kadermitarbeiter Kurt Marti beauftragt, das Problem anzupacken. Von den 24 Kindern ohne Schulplatz konnte Marti mittlerweile 21 Kinder unterbringen. Allerdings nur, weil die Institutionen auf Insisitieren Martis vom Kanton mehr Ressourcen zugesprochen bekommen haben.

Konkret heisst das: In den ersten drei Monaten kostet die Integration eines neuen Kindes in bestehende Strukturen rund 70'000 Franken, das entspricht in etwa einem 50- bis 70 Prozent-Pensum einer Lehrkraft. «Zum Nulltarif ist die Integration so schwieriger Kinder nicht zu haben», macht Marti im Gespräch mit dem Regionaljournal deutlich. Der Kanton hat das notwendige Geld zur Verfügung gestellt.

Geld alleine reiche indes nicht aus, um etwas zu verändern, sagt der ehemalige stellvertretende Amtsvorsteher des kantonalen Alters-und Behindertenamts. Marti hat denn auch verschiedene Vorschläge, mit welchen garantiert werden könnte, dass künftig alle Kinder, die es nötig haben, einen Platz an einer Sonderschule erhalten:

  • Eine Aufnahmepflicht für Sonderschulen und ähnliche Institutionen.
  • Änderung des Artikels 18 im Volksschulgesetz, der besagt, dass Eltern verantwortlich sind dafür, einen Schulplatz an einer Sonderschule zu suchen. Künftig müsse der Kanton diese Verantwortung wahrnehmen.
  • Die Schaffung von Sozialräumen, d.h dass sich alle (Sonder)Schulen in derselben Region vernetzen und verantwortlich dafür wären, dass alle Kinder innerhalb eines bestimmten geografischen Gebiets auch dort zur Schule gehen könnten - egal, ob sie Regel- oder Sonderschüler sind.

Sowohl auf der Gesundheits- und Fürsorgedirektion wie auch auf der Erziehungsdirektion kommen Martis Vorschläge gut an. Insbesondere die Änderung von Artikel 18 des Volksschulgesetzes sowie die Aufnahmepflicht für Sonderschulen will man diskutieren.