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Kunsthalle Bern Wie Harald Szeemann die Kunst gegen den Strich bürstete

Die Ausstellung über seinen Grossvater gilt als eine seiner radikalsten. Jetzt wird sie in Bern wieder inszeniert.

Historisches Bild aus der Ausstellung
Legende: Kämme, Scheren, Stielbrillen – Harald Szeemann arrangierte Gegenstände zu einer dichten Hommage an seinen Grossvater. Balthasar Burkhard/J. Paul Getty Trust

Berner Altstadt, Gerechtigkeitsgasse 74: Hier über dem Café du Commerce wohnte bis in die 1970er-Jahre der legendäre Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Und hier – in derselben Wohnung – wird in den nächsten drei Monaten Szeemanns Ausstellung «Grossvater: ein Pionier wie wir» aus dem Jahr 1974 neu gezeigt.

«Wir haben alles so eingerichtet wie damals – mit verschiedenen Gegenständen, mit den Teppichen und sogar den entsprechenden Fussleisten», sagt Philipp Kaiser, einer der Kuratoren der Ausstellung.

Fassade Gerechtigkeitsgasse 74
Legende: Die Ausstellung wird in der ehemaligen Wohnung von Harald Szeemann über dem Café du Commerce reinszeniert. SRF/Andreas Lüthi

Die Grossvater-Ausstellung gilt als eine der persönlichsten und radikalsten von Harald Szeemann. Szeemann hatte sich als Direktor der Kunsthalle Bern in den 1960er-Jahren und Leiter der Kasseler Documenta 5 im Jahr 1972 Weltruhm verschafft. Er gab dem Beruf des Ausstellungsmachers ein neues Profil.

«Er hatte bis dahin aber immer Künstler inszeniert, mit der Grossvater-Ausstellung inszenierte er ausschliesslich Objekte zu einer intensiven und überwältigenden Hommage an seinen Grossvater», sagt Philipp Kaiser. Der Ausstellungsmacher Szeemann schafft mit der Inszenierung der Gegenstände selber Kunst.

Der ursprünglich aus Ungarn stammende Grossvater Etienne Szeemann war als Coiffeur weit gereist, bevor er sich in Bern niederliess. In Bern galt er als ein stadtbekannter Dandy mit ausgeprägtem Sammlertrieb. Die Wohnung ist denn auch vollgestellt mit Alltagsgegenständen, Coiffeurutensilien, Dokumenten und Fotos aus der Familiengeschichte.

«Alles ist hochgradig choreografiert, alles ist vernetzt», sagt Philipp Kaiser. Die Wohnung wirkt wie ein Interieur aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, hat aber viele Anspielungen an surrealistische Kunst oder Pop Art.

Von Los Angeles nach Bern

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Die Grossvater-Ausstellung wurde erstmals diesen Februar in Los Angeles gezeigt. Das Getty Research Institut in Los Angeles hat nach dem Tod des bekannten Kurators auf ein Angebot der Familie den gesamten Nachlass von Harald Seemann erworben. Mit tausenden von Dokumenten und Objekten bildet er die grösste archivalische Einzelsammlung des GRI.

«Das Getty Research Institute bietet mit seinen Mitteln und seiner Expertise eine optimale Betreuung des Nachlasses», sagt der Berner Kurator Philipp Kaiser, der selber in Los Angeles lebt und arbeitet. So habe man auch die Grossvater-Ausstellung mit grösster Akribie rekonstruiert.

«Fehlende Gegenstände haben wir zum Teil auf Flohmärkten in der Schweiz gesucht und gefunden, wir haben alte Schweizer Steckdosen eingeflogen», sagt Kaiser. Nach Bern wird die Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf, im Castello di Rivoli in Turin und dem Swiss Institute in New York Station machen.

Die Ausstellungen «Grossvater: Ein Pionier wie wir» an der Gerechtigkeitsgasse 74 und die gleichzeitig laufende Ausstellung «Museum der Obsessionen» in der Kunsthalle selber sind zwei Höhepunkte zum 100-Jahr-Jubiläum der Kunsthalle Bern, Link öffnet in einem neuen Fenster. Mit ihnen feiert die Kunsthalle gleichzeitig ihren bekanntesten Exponenten Harald Szeemann. Die Ausstellungen dauern bis Anfang September 2018.

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