Bus oder Bahn am Thunersee? Leissigen kämpft um seinen Bahnhof – gegen fast alle

Wenn der bernische Grosse Rat die Angebotsbeschlüsse für den öffentlichen Verkehr so beschliesst, wie sie vorliegen, dann wird Leissigen vom Bahnverkehr abgehängt und bekommt dafür einen Bus nach Spiez und Interlaken. Die Thunerseegmeinde wehrt sich vehement – und steht damit ziemlich alleine da.

Die Region Interlaken und das östliche Berner Oberland brauchen so schnell wie möglich einen Halbstundentakt der Fernverkehrszüge Richtung Zürich. «Das hat erste Priorität und wir dürfen nichts unternehmen, was diesem Ziel zuwiderläuft», sagt Grossrat Peter Flück, der Präsident der Regionalkonferenz Berner Oberland Ost.

Deshalb sei es unabdingbar, die bisherigen Regionalzüge mit Halt in Faulensee, Leissigen und Därligen aufzuheben und mit Buslinien zwischen Spiez und Interlaken zu ersetzen. «Leissigen und die anderen Gemeinden bekommen ein gutes Angebot mit dem Bus.»

«  Leissigen und die anderen Gemeinden bekommen ein gutes Angebot mit dem Bus. »

Peter Flück
Grossrat und Präsident Regionalkonferenz

Ins gleiche Horn wie die Regionalkonferenz Oberland Ost stossen die Verkehrskonferenz Oberland West, öV-Anbieter wie die Postauto AG oder die Gemeinden Interlaken, Unterseen, Matten und Spiez. Spiez erwartet von einem neuen Bus eine bessere Erschliessung des Gemeindeteils Faulensee. Zudem könne man auf die teure, behindertengerechte Sanierung der Bahnstationen verzichten. Därligen hält sich bedeckt. Die kleine Gemeinde am oberen Thunersee kann mit jeder Lösung leben, die das bisherige öV-Angebot nicht schlechter macht.

«  Wir sehen nicht ein, warum wir auf ein so gutes Zugsangebot verzichten sollen. »

Bruno Trachsel
Gemeindepräsident Leissigen

Die Gemeinde Leissigen allerdings sieht es völlig anders. «Wir sehen nicht ein, warum wir auf ein so gutes Zugsangebot verzichten sollen. Fernverkehr und Regionalverkehr kommen sich nämlich nicht in die Quere», sagt Gemeindepräsident Bruno Trachsel mit Nachdruck.

Trachsel und viele seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger wollen die schnelle und zuverlässige Bahnverbindung nach Spiez und Interlaken und damit den Bahnhof mitten im Dorf behalten. «Wir haben über 300 Pendler pro Tag, die sich darauf verlassen, dass sie pünktlich ankommen. Beim Bus auf der vielbefahrenen Autostrasse A8 ist das nicht mehr gewährleistet.» Zudem seien die Bundesgelder für die Bahnhofsanierung und eine neue, so oder so nötige Kreuzungsstelle bereits bewilligt.

«  Wir sollten auf den Entscheid des Bundes warten, ob es überhaupt einen Halbstundentakt im Fernverkehr gibt. »

Helene Soltermann
Sprecherin BLS

Wenn der bernische Grosse Rat die vorliegenden Angebotsbeschlüsse allerdings gutheisst, dann wird Leissigen mittelfristig für immer vom Bahnverkehr abgehängt.

Das bestätigt auch das Bahnunternehmen BLS. Es rät dem Parlament, den Entscheid zu verschieben. «Voraussichtlich im Jahr 2019 kommt auf Bundesebene aus, ob es überhaupt einen Halbstundentakt im Fernverkehr gibt. Auf diesen Entscheid sollten wir warten», rät BLS-Sprecherin Helene Soltermann dem Grossen Rat. Halbstündlicher Fernverkehr und Regionalverkehr auf der Strecke Interlaken-Spiez sei technisch möglich. Ob es auch wirtschaftlich vertretbar sei, müsse sich noch weisen.

Diese Aussage ist Wasser auf die Mühlen von Leissigen. Und sie irritiert die Regionalkonferenz Oberland Ost. «Am 16. Januar hat die BLS in der Kommission klar gesagt, dass der Halbstundentakt nur möglich ist, wenn der Regionalverkehr auf die Strasse ausweicht», rätselt Regionspräsident Flück. «Weshalb die BLS nun davon abrückt und wie sie das machen will, muss sie mir noch erklären.»