Neue Gefahren für Passstrassen und Bergdörfer

Die Grimsel-Passstrasse könnte in Zukunft noch stärker durch Murgänge bedroht werden als heute. Sie ist ein Beispiel für die Gefahren, die den Bergregionen wegen des Klimawandels drohen.

Guttannen an der Strasse zwischen Innertkirchen und der Grimselpasshöhe ist harte Winter, Lawinen und Murgänge gewohnt. Aber inzwischen ist das Dorf von Naturgefahren umgeben. Oberhalb des Dorfes hat ein gewaltiger Felssturz den Talboden verändert, die Aare in ein neues Bett gezwungen und die Verlegung der Passstrasse im Gebiet Rotlaui nötig gemacht. Und seit vier Jahren rutscht das Ritzlihorn unterhalb von Guttannen ab. Unterdessen ist aus einem kleinen Graben ein gewaltiges Rutschgebiet geworden.

Das ist Anschauungsunterricht, welche Folgen die Klimaveränderung haben kann. Nun will die bernische Baudirektion an diesem Beispiel lernen, wie man sich im ganzen Berner Oberland besser schützen kann.

Aufgrund des Spreitgrabens kenne man nun die Abläufe. So könnten Prozesse, Gefährdungsmerkmale und Gegenmassnahmen abgeleitet werden, die auch für andere Gegenden nützlich seien, sagt die bernische Bau- und Verkehrsdirektorin Barbara Egger am Montag.

An der Grimsel-Passstrasse hat eine Studie weitere sechs Gefahrenstellen identifiziert, die bisher nicht bekannt waren. Zusammen mit dem Bund wird zudem ein Untersuchungsmodell entwickelt, das für das ganze Berner Oberland gilt.

Weiler bei Guttannen in Gefahr

Für alle Fälle hat der Kanton Bern bereits eine Notstrasse gebaut – denn die Grimselpassstrasse und die Galerie beim Spreitgraben können jederzeit unpassierbar werden. Weil die gewaltigen Schuttmassen das Aarebett auffüllen und die ganze Landschaft verändern, ist auch der Weiler Boden unterhalb von Guttannen in Gefahr.

Die Gemeinde muss damit rechnen, den Weiler über kurz oder lang zu räumen und 30 Personen oder rund 10 Prozent der Gemeindebevölkerung umzusiedeln. Diesen Sommer soll klar sein, ob man den Weiler Boden doch noch mit Schutzbauten schützen kann.

Falsche Investitionen vermeiden

Eine Erkenntnis aus der Studie ist allerdings auch, dass es keinen Sinn macht, im voraus Tunnel und Brücken zu bauen. «Erstens wissen wir nie genau, was wirklich passiert. Zweitens dauert der Bau der Bauwerke viel zu lange», sagt Wasserbauingenieur Nils Hählen, Oberingenieur im Berner Oberland. Aber er rechnet damit, dass die Fachleute mit diesem Pilotprojekt schneller und gezielter auf Bedrohungen reagieren können.

Auslöser für die Murgänge sind die sich zurückziehenden Gletscher und der auftauende Permafrost im Hochgebirge. Der Fels beginnt zu bröckeln. Niederschläge können das lose Geröll wegschwemmen und Murgänge auslösen.