Romeo & Julia auf der Thuner Seebühne: Als wärs heute geschehen

Das grösste aller Liebesdramen funktioniert auch auf einer rosaroten Riesen-Halfpipe. Zwar spielt der Klassiker in der heutigen Zeit, ist schrill, schnell und musikalisch gewaltig. Aber als Romeo und Julia in den Tod gehen, fehlt jeglicher Klamauk.

Das Original von William Shakespare ist ja wirklich Musicalstoff vom Feinsten. Die Kurzfassung: Zwei verfeindete Familien in Verona, die sich bis aufs Blut bekämpfen. Romeo, ein Sohn Montagues, trifft auf Julia aus dem Hause Capulet – und verliebt sich unsterblich in sie. Kann nicht gut gehen und kommt auch nicht gut.

Als Romeo nach einer blutigen Fehde aus Verona verbannt wird und Julia mit dem vertrottelten Graf Paris verheiratet werden sollte, trinkt sie ein Elixier, das sie für 24 Stunden als tot erscheinen lässt. Romeo bricht in die Familiengruft der Capulets ein, schreit seinen Schmerz über den vermeintlichen Tod seiner Geliebten hinaus und bringt sich um. Julia findet ihn neben sich und setzt auch ihrem Leben ein Ende.

Gewagte Inszenierung in einer gewaltigen Halfpipe...

Die Thuner Seespiele allerdings transferieren das grösste aller Liebesdramen in die heutige Zeit. Da toben wild tätowierte und sehr farbenfroh gekleidete Mitglieder der beiden Clans als rauflustige Strassengangs und Schläger, als Zweirad-Akrobaten und Rollbrett-Artisten über eine riesige rosarot-blaue Halfpipe, die aufgedonnerten Ladies der Familienoberhäupter sind an schrillem Kitsch nicht mehr zu überbieten und zu Beginn fliegt das Auto des Staatsanwalts krachend in die Luft. Und Romeo und Julia machen auf dem Balkon von Capulets ein Selfie von sich.

Wenn schon, dann richtig. Die Handlungen jagen sich in horrendem Tempo, die Artisten sind dauernd in Bewegung, singend in den steilen Flanken der Kulisse, dazu eindrückliche Massenszenen eingebettet in opulenten Chorgesang und Musik.

Das Publikum staunt, lacht und schreit bei einer Szene begeistert einem halbnackten Tänzer hinterher, als er sich grazil davonmacht. Da gibt es die listige Amme und den gütigen Pater Lorenzo, der das Liebespaar heimlich traut.

Und es gab an der Vorpremiere am Montagabend eine stimmgewaltige Besetzung mit Iréna Flury (Julia) und Dirk Johnston (Romeo). Für Iréna Flury ist es so etwas wie ein Heimspiel: Sie ist zwar in Wien aufgewachsen, ist aber zur Hälfte Thunerin, spricht Berndeutsch und wohnt zurzeit bei ihrer Gotte am Thunersee.

… und nahe beim Original in der Trauer

Bei der Szene allerdings, als Romeo verzweifelt in die Familiengruft der Capulets eindringt und seine leblose Geliebte findet, haben Glamour und rosarote Plastiksofas keinen Platz mehr. Die Szene mit der aufgebahrten Julia ist konzentriert karg und nahe am Original, der Schmerz von Romeo umso eindringlicher. Er vergiftet sich und stirbt im Moment, als Julia aus ihrem 24stündigen todesähnlichen Schlaf erwacht. Den sterbenden Romeo in den Armen, beschliesst Julia, auch ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Angesichts des Dramas beenden die Familien Capulet und Montague ihre Feindschaft. Perfekt traurig, das Publikum ist bewegt. Wundervoll gemacht. Nur das flammende Kitschherz, das im letzten Moment nochmals aufgeklappt wird, ist vielleicht zu viel des Guten, weil es vom grandiosen Finale ablenkt.

(Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 06:32/17:30 Uhr)