Umstrittener Abriss der Siedlung Freistatt in Thun

Neue Häuser, verdichtete Bauten: Anwohnerinnen und Anwohner wehren sich gegen die Pläne der Stadt im Quartier Freistatt. Der Gemeinderat hat deshalb die geplante Umzonung auf Eis gelegt und versucht nun mit einem partizipativen Verfahren, die Bevölkerung doch noch für das Projekt zu gewinnen.

Haus mit Garten

Bildlegende: Die 70-jährigen Häuser des Quartiers sollen zum Teil abgerissen werden. Mireille Guggenbühler/SRF

Es blüht in allen Farben und es wuchert und rankt in den Gärten der Thuner Genossenschaftssiedlung Freistatt. Sie sind denn auch das augenfälligste Merkmal der 70-jährigen Genossenschaftshäuser, diese Gärten, die einst zur Selbstversorgung der Bewohnerinnen und Bewohner gedacht waren. Noch heute ziehen viele Genossenschaftsbewohner dort Gemüse und Beeren, andernorts dienen die Gärten mehr als Kinderspielplatz. Für den Thuner Daniel Schütz jedenfalls sind die Gärten unter anderem ein Grund, weshalb er sich gegen die geplante neue Siedlung wehrt. Schütz fürchtet, dass der Grünanteil in einer neuen Siedlung viel kleiner als heute gehalten werden würde, um die 17'000 Quadratmeter grosse Fläche optimal zum Bebauen ausnützen zu können.

Daneben gibt es aber noch andere Gründe, weshalb sich Daniel Schütz zusammen mit anderen Thunerinnen und Thuner gegen eine dichtere, neue Bebauung des Areals wehrt. Viele neue Siedlungen in Thun wirkten unbelebt und tot, sagt Schütz. «So etwas wollen wir hier aber nicht, wir wünschen uns eine Siedlung, die belebt ist und in der auch Kinder spielen». Daneben vermuten die Gegner, dass anstelle der heute günstigen Wohnungen in der Genossenschaftssiedlung ausschliesslich teurer Wohnraum entstehen würde.

Thuner Gemeinderat will partizipativen Prozess

Nachdem die Anwohner androhten, gegen die geplante Zonenplanänderung das Referendum zu ergreifen, hat der Gemeinderat das Verfahren vorläufig sistiert. In einem partizipativen Prozess will die Stadtregierung nun die Bevölkerung einbeziehen. Mit einem sogenannten Testplanungsverfahren soll herausgefunden werden, wie eine Siedlung aussehen könnte, die den Verantwortlichen der Stadt und den Betroffenen gleichermassen entsprechen könnte. Die Ergebnisse der Testplanung sollen dann planungsrechtlich gesichert werden. Es stellt sich indes die Frage, ob aller Testplanungsergebnisse zum Trotz nicht doch die Wirtschaftlichkeit eines solchen Projekts ausschlaggebend dafür ist, ob die Siedlung überhaupt gebaut werden kann. Der Stadtpräsident räumt denn auch ein, dass die Siedlung am Ende auch «wirtschaftlich funktionieren muss».

Nicht alle freuen sich über das Testplanungsverfahren

Dass der partizipative Prozess zu einem guten Ergebnis führen könnte, daran zweifeln einige Parteikollegen des Stadtpräsidenten. Die Thuner SVP-Fraktion stimmte gegen einen Kredit von 270'000 Franken, der für das Testplanungsverfahren eingesetzt würde. Der Gemeinderat verstecke sich nur hinter diesem partizipativen Prozess, er müsse mit offenem Visier hinstehen, findet der junge SVP-Stadtrat Lukas Lanzrein.

Für Daniel Schütz wiederum ist klar, dass er und seine Mitstreiter das Projekt bis zu seinem Ende mit Argusaugen beobachten werden. Zu diesem Zweck haben sie auch einen Verein gegründet, der erst aufgelöst wird, wenn eines Tages eine neue Siedlung anstelle der heutigen Freistatt stehen wird.

Hier wurde verdichtet gebaut

Hier wurde verdichtet gebaut

Im Frühling 2016 können die ersten Mieter ins verdichtete Quartier Stöckacker in Bern einziehen. Alte Häuser wurden abgerissen. Dank einer Informationsoffensive der Stadt war der Widerstand gegen das Projekt gering. Vor allem das Schicksal der alten Mieter bewegten die Gemüter. Hier konnten die Verantwortlichen die Skeptiker überzeugen.