Walliser Theologe übt Kritik am eigenen Bischof

Mit heiklen Aussagen gegenüber Homosexuellen hat der Bischof von Sitten viele vor den Kopf gestossen. Darunter auch Theologen.

Der Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey, sprach in einem Interview Ende Mai davon, dass «Homosexualität geheilt werden könne». Später entschuldigte er sich. Homosexualität sei keine Krankheit, aber dennoch «eine Schwäche der Natur».

Diese Aussagen haben für einigen Wirbel gesorgt. Selbst Hermann-Josef Venetz, emeritierter Theologieprofessor der Universität Freiburg und gebürtiger Walliser, sagt: «Er ist nicht auf dem neusten Stand. So kann man nicht über Homosexuelle sprechen.»

Ein tiefgreifendes Problem

Er verstehe die Kritik an einer katholischen Kirche, die an der Lebensrealität der Menschen vorbeirede, sagt der Theologe. «Für mich ist schwierig zu akzeptieren, dass alte, im Zölibat lebende Männer über Themen wie Sexualität und Familie urteilen.» So entstehe der Eindruck, dass hier die Welt und da die Kirche sei, findet Hermann-Josef Venetz. Leider gebe es beim «Weltunternehmen katholische Kirche» einen sehr grossen Reformstau.

Der Theologe unterstützt die Gay Pride, die am Samstag in der Walliser Hauptstadt Sitten stattfinden wird. Die Homosexuellen würden die Gesellschaft positiv verändern, wenn sie sich sichtbarer machen, glaubt er.

(Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 12:03 und 17:30 Uhr)

Hermann-Josef Venetz

Hermann-Josef Venetz (geboren 1938 in Brig) studierte in Sitten und Rom. Bis 2003 war Venetz Professor für neutestamentliche Theologie an der Uni Freiburg. Er war auch Zentralpräsident des katholischen Bibelwerks und langjähriger Radioprediger auf SRF2 Kultur. Der Theologe hat sich einen Namen gemacht mit seiner pointiert kritischen Haltung.